Ein Wiedersehen?

Eine Sprachnachricht eines Freundes hat mich besonders berührt. Am Ende der Nachricht sagte er, „[…] hoffentlich nicht lebwohl, aber irgendwann hoffentlich ein Wiedersehen. […] Wir hoffen, euch irgendwann wieder in den Arm zu nehmen“.

Das ist auch unsere Hoffnung!

Diese wird allerdings nicht durch eine Rückkehr zur WTG Wirklichkeit werden. Denn eine Rückkehr zu den Zeugen Jehovas ist ausgeschlossen.

Selbst wenn sich die Anweisungen im Umgang mit Kindesmissbrauch verändern würden, wäre dies kein Grund für uns zurückzukommen. Ich würde es wirklich sehr begrüßen, wenn die Zwei-Zeugen-Regel im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch entfallen würde. Dadurch würde vielen Kindern unendliches Leid erspart bleiben. Doch sämtliche organisatorischen Veränderungen, ob diese bereits stattgefunden haben oder noch stattfinden, sind aus meiner Sicht auf den Druck durch die Öffentlichkeit zurückzuführen und nicht auf das Gewissen der sieben Männer aus New York (Sie werden diese Regel aber anscheinend nicht ändern).

Unsere Entscheidung beruhte auch nicht ausschließlich auf den bisher genannten Gründen. Wenn erstmal die „Firewall“, die einen Zeugen Jehovas umgibt, heruntergefahren ist, merkt man recht schnell, dass das Fundament, welches die WTG über Jahre errichtet hat, nur auf Sand gebaut wurde. Aus der Vogelperspektive wirkt es wie ein Kartenhaus, das immer wieder droht, in sich zusammenzubrechen. Dann wird hektisch versucht, die Lehren, die im Begriff sind einzustürzen, wieder durch „heller werdendes Licht“ geradezubiegen (1799, 1873, 1874, 1914, 1915, 1918, 1925, 1975, Beginn der „Letzten Tage“, Beginn der „Großen Drangsal“, Gegenwart Jesu, „Die Generation, die nicht vergehen wird“, Einsammlung der Gesalbten, 607 v. u. Z., usw. usf.).

Doch auch hier schafft es die Organisation, den Schaden einzugrenzen. Die Watchtower Library reicht nur noch bis in das Jahr 1970 zurück. Die Online-Bibliothek unter wol.jw.org sowie die JW Library-App beinhalten nur noch Publikationen bis zum Jahr 2000. Dass beispielsweise die WTG in den 1960er Jahren wilde Spekulationen zu Harmagedon für das Jahr 1975 gemacht hat, ist kaum noch nachvollziehbar, von 1914 und 1925 ganz zu schweigen. Dazu müsste ein Zeuge Jehovas einen Zugriff auf frühere Publikationen haben. Doch diese sind im Netz nur auf Seiten von „Abtrünnigen“ zu finden – Endstation! (Erwachet! 22.4.1967 Seite 17 – 20; Wachtturm 15.11.1968, S.691; Wachtturm 01.01.1967; Königreichsdienst Mai 1974 –
englisch, uvm.).

Sollten wir aufgrund dieses Studiums annehmen, dass im Herbst 1975 die Schlacht von Harmagedon vorüber sein und die lang ersehnte Tausendjahrherrschaft Christi beginnen wird? Vielleicht; wir wollen aber abwarten und sehen inwieweit die siebente 1000 Jahr Periode der Menschheitsgeschichte mit der sabbatähnlichen Tausendjahrherrschaft Christi zusammenfällt. […] Der Unterschied mag höchstens einige Wochen oder Monate, keinesfalls Jahre ausmachen.
Wachtturm 15.11.1968, S.691

Einen ungefähren Eindruck, wie der Floh von 1975 den Anhängern ins Ohr gesetzt wurde, erhält man, wenn man der Rede von Konrad Franke (damaliger Leiter des Zweigbüros in Deutschland) lauscht, die er 1968 in Hamburg hielt:

Es wird immer wieder eine neue Generation von Zeugen Jehovas geben, die kaum noch Kenntnis hat über die damaligen Lehren und Vorgehensweisen der WTG. Meiner Erfahrung nach kennt sich kaum einer der Anhänger mit der Geschichte der Zeugen Jehovas wirklich aus. Beispielsweise aus welcher Bewegung (William Miller) der damalige Gründer Charles Taze Russell kam – Quelle, Quelle. Die Wenigsten sind mit den Ansichten, die Russell damals hatte, vertraut. Die nach seinen Aussagen und nach Aussage der Organisation von Gottes Geist geleitet waren. Würde man diese Ansichten heute auch nur ansatzweise vertreten, würde dies dazu führen, dass man wegen falscher Lehren ausgeschlossen wird. Genau das gleiche wäre passiert, wenn man damals die Lehren von heute vertreten hätte.

Vermutlich ist kaum jemandem bekannt, dass die „Leitende Körperschaft“ als Gruppe erst seit den 1970er Jahren die Lehren der Zeugen Jehovas prägte. Zuvor wurden die Glaubenslehren von einzelnen Männern – den Präsidenten der WTG – beschlossen (Jehovas Zeugen – Verkündiger des Königreiches Gottes, 1993, S. 108 u. 109, Aussage von Präsident Fred Franz: „Der Schwanz, der mit dem Hund wedelt“). Noch weniger bekannt mag dem einzelnen Zeugen Raymond Franz sein, besonders der jüngeren Generation nicht. Raymond Franz war 60 Jahre lang ein Zeuge Jehovas und neun Jahre lang Mitglied der „Leitenden Körperschaft“. Am 22. Mai 1980 verließ er in einem Rücktrittsschreiben die „Leitende Körperschaft“. Die Dinge, die er in Erfahrung brachte, belasteten sein Gewissen schwer. In seinem Buch Der Gewissenskonflikt erhält man einen Einblick, wie die Führungsebene tatsächlich agierte.

Die ältere Generation von Zeugen Jehovas wird dagegen einiges mehr an Erfahrung und Wissen besitzen, was die Entwicklung der Zeugen Jehovas betrifft. Doch die wenigsten dieser Menschen werden sich zutrauen, die Organisation zu verlassen. Sie haben sehr wahrscheinlich Angst vor der Einsamkeit, dass im Alter niemand mehr für sie da sein würde. Viele dieser Menschen haben aufgrund der Organisation auf einen Partner oder auf Kinder verzichtet mit dem Gedanken, dass sie in der „Neuen Welt“ all das nachholen könnten. Es gibt unter Zeugen Jehovas auch Menschen, die homosexuell sind. Aufgrund ihres Glaubens, geprägt durch die WTG, unterdrücken sie ihre Gefühle und verzichten auf das Zusammenleben mit einem Partner – WTG, Video. Sie hoffen darauf, dass sich in der „Neuen Welt“ ihre Gefühle umkehren werden.

Einige haben geliebte Menschen, darunter auch Kinder verloren, die auf eine Bluttransfusion oder in früheren Jahren sogar auf eine Organspende verzichtet haben (Wachtturm, 15. November 1967, Seite 70). Es ist schade, was Menschen in ihrem Leben aufgegeben haben, um den Ansprüchen der WTG gerecht zu werden.

Vielen, die der WTG jedoch den Rücken gekehrt haben, ging es ähnlich wie meiner Frau und mir. Es hat Jahre oder sogar Jahrzehnte benötigt, um dieses Glaubensgebäude aufzubauen. Doch es bedarf nur weniger Tage, dieses wieder einzureißen. Dem Internet sei Dank, finden immer mehr Menschen den Weg heraus aus diesem unsichtbaren Gefängnis. Meiner Meinung nach ist das Internet auch der größte Feind der WTG. Sämtliche Lehren, vermeintlich wissenschaftliche oder historische Aussagen in den Publikationen, finanzielle Aktivitäten und Investitionen der WTG (NCCS, SEC), Kooperationen mit Organisationen wie beispielsweise mit der UNO (UN, Wikipedia), können heutzutage mit Leichtigkeit untersucht werden.

Und wer sich erst einmal auf den Weg gemacht hat, der kann nicht mehr zurück. „Sag niemals nie“, heißt es oft. Doch ich kann aus Überzeugung sagen: Nie wieder!

Wir würden uns freuen, wenn meine Mutter sowie Freunde den Weg raus aus dieser Organisation finden. Nicht nur für uns, sondern ganz besonders für sie persönlich. Wir hoffen irgendwann, unabhängig von den Statuten einer Organisation, unsere Freunde wieder in den Arm nehmen zu können. Für meine Mutter hoffe ich, dass sie ihre Enkel irgendwann wieder in den Arm nehmen kann und nicht den Rest ihres Lebens auf den Kontakt mit ihrer Familie zugunsten einer Organisation verzichtet. Uns ist bewusst, dass die Chancen hierfür eher gering sind. Und ich bin mir auch dessen bewusst, dass ich mit diesen Zeilen niemanden dazu bringen werde, dass er von heute auf morgen die WTG verlässt. Aber vielleicht konnte ich dem einen oder anderen einen Impuls geben.