Versteckte Manipulation und deren Wirkung

Auf verschiedensten Webseiten werden Artikel über Zeugen Jehovas zergliedert, kommentiert und kritisch hinterfragt. Jedoch sollte man auch immer wieder selbst eine Analyse durchführen. Ein Schlüssel dazu ist die Reflexion. Einerseits die Eigenreflexion, andererseits auch die Reflexion des Textes. Um dies zu können, muss man schauen, welche gelernten Formulierungen triggern beziehungsweise mit einer weiterführenden Bedeutung verbunden sind.

„Er ist Ältester!“ – ein sehr einfaches Beispiel. Bei diesem Satz wird ein Außenstehender lesen, dass die Person irgendeine Führungsposition innehat. Wie wirkt der Satz jedoch auf einen Zeugen Jehovas? Er erfährt, dass die Person die höchste Funktion innerhalb der Versammlung bekleidet. Hat der Zeuge einen Fehler gegen die Vorgaben der WTG begangen, so kann dies einen Trigger – in dem Fall Schuldgefühle und das Bedürfnis der Beichte – auslösen. Hier wäre die Stelle, an der man die Reflexion starten muss: werde ich dadurch getriggert? Was bedeutet es für mich?

In einigen Foren lese ich immer wieder, dass das begleitete „Dienstamt“ immer noch eine Rolle spielt. Sicher, wer weit in der Hierarchie aufgestiegen ist, wird oft mehr Wissen besitzen, um helfen zu können. Bei einer Vorstellung in diversen Foren gehört dies sicher auch dazu, schließlich ist es ja eine eigene Welt in der wir uns bewegt haben und das Dienstamt beantwortet viele Fragen über den Werdegang. Aber ansonsten, sollte man sich fragen, ob man vielleicht noch immer Trigger mit sich trägt, welche einen den Start in das neue Leben erschweren.

Auch das Verhalten nach dem Ausstieg zeigt zum Teil die alte Mentalität und die antrainierten Verhaltensweisen. Wenn man einige Webseiten verfolgt, so frage ich mich, was die Motivation hinter manchen Aussagen – besonders bei den Kommentaren – ist. Einige betrachten diese Seiten nicht als Angebot und Anregung sondern sehen darin eine Alternative zur Lehre der Zeugen Jehovas und suchen eine neue spirituelle Führung. Andere kommentieren, als ob sie weiterhin Älteste wären und Entscheidungen anderer vorgeben könnten. Sein Leben zu leben, es selbst in die Hand zu nehmen und eine Beeinflussung durch andere zu vermeiden, dieser Schritt gehört zum Ausstieg. Manche betrachten den formellen Ausstieg als das einzig legitime Mittel und versuchen andere dazu zu drängen. Sie fallen dadurch – nach meiner Ansicht – wieder auf eine WTG-Logik herein. Die Mitgliedschaft die laut der WTG für eine Rettung notwendig ist, wird für Aussteiger als einzig wahre Lösung hingestellt. Auch hier könnten wir Ansichten der Vergangenheit ungewollt folgen.

Im englischsprachigen Raum hat sich diese Idealisierung von Aktivisten so weit intensiviert, dass eine Lagerbildung zu beobachten ist. Ohne auf Details einzugehen, greifen sich Aktivisten gegenseitig an und spalten dadurch auch die Leserschaft. An diesem Punkt sollte man sich wiederum fragen, was die Ursache ist. Suche ich einen Guru, folge ich wieder einem Menschen? Bin ich wieder blind und ignoriere berechtigte Kritik? Habe ich die WTG gegen eine andere Person getauscht?

An anderen Stellen gibt man sich immer noch den Regeln geschlagen. Viele von uns kennen sicher die Frage, wen man alles eingebüßt hat. Hierbei könnte man überlegen, ob wir nicht Opfer dieser Beeinflussung geworden sind. Warum? Haben wir wirklich etwas verloren? Wie einen Schlüssel oder einige Münzen? Sind wir nicht viel mehr beraubt worden?

Sicher, es geht nicht um die perfekte Formulierung, jedoch sollte man immer wieder den inneren Spiegel ausklappen und schauen, ob uns nicht irgendwo die grässliche Fratze der WTG entgegengrinst. Habe ich noch „Angst“ oder beschämen mich noch die Begriffe der WTG? Kann ich lachen, wenn ich als „Apostat“, „Abtrünniger“ oder „Küchenhelfer Satans“ bezeichnet werde? Sehe ich den Verlust den der Ausschluss bringt, als etwas was ich nicht akzeptieren muss? Wenn dem nicht so ist, sollte ich mich vielleicht fragen, was die Ursache dafür ist.

Mentale Blockade

Es ist meiner Meinung nach kein Zufall, dass man das Wachtturm-Studium als Frage-und-Antwort-Spiel betreibt. Mit „Gewalt“ lernt man, fremde Antworten als die eigenen zu betrachten: Vorbereitung (Lesen, Antwort suchen) und die Wiederholung in der Versammlung (Lesen und vorgelesen bekommen, Frage, vorgegebene Antwort; darüber reden was man an der vorgegebenen Antwort gut findet) – ein fast meditativer Singsang welcher sich Woche für Woche wiederholt und mit der Zeit die Grenze zwischen eigener und vorgegebener Meinung egalisiert. Hier werden die Trigger im Gruppenrausch der Belehrung immer wieder etabliert, gesetzt, gefestigt und gereizt.

Diese gelernten Floskeln werden nach dem Erlernen immer wieder eingesetzt, auch wenn jemand untätig wird und erkannt hat, dass man manipuliert wurde. Darum bringen Broschüren wie Komm zurück zu Jehova so wenig. Die plumpen Vorwürfe die in diesen Broschüren gemacht werden, triggern viele nicht mehr. Persönliche Kontakte amüsieren gelegentlich, da man die Antworten und Aussagen zu Kritik oft schon kennt: „Für mich klingt das wie Informationen von Abtrünnigen.“ Oder: „Auch wenn es diese Fehler gibt, es sind sicher Einzelfälle.“ Man sieht die mentale Blockade kommen. Mit der Entscheidung zwischen der roten oder blauen Pille (siehe Matrix), entscheidet man sich auch gegen oder für diese Floskeln.

“Das ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein zurück. Nimm die blaue Pille — die Geschichte endet, du wachst in deinem Bett auf und glaubst was du auch immer glauben willst. Nimm die rote Pille — du bleibst hier im Wunderland und ich werde dir zeigen wie tief das Kaninchenloch reicht.” – Aus dem Film Matrix (1999)

Geistig Gefangene der WTG können daher die Wirkungslosigkeit ihrer Worte nicht erkennen. Dies kann man entsprechend weitertreiben. Sobald man einen Artikel in den Zeitschriften liest, wird man eben diese Begrifflichkeiten finden, welche als Trigger fungieren sollen. In meinem Prozess des „Erwachens“ stellte ich mir 3 Ziele:

  1. Mentales Entgiften
  2. Ohne Hass gehen
  3. Wirklich sicher sein, dass es nicht die „Wahrheit“ ist

Mentales Entgiften

Hier taucht wieder ein absoluter Trigger auf: „Wahrheit“

Im Laufe meines Weges wurde die „Wahrheit“ für mich etwas, was eine Marke war. Zeugen könnten ebenso eine Getränkemarke haben, ein Bier namens „Wahrheit“. Es ist einfach ein Begriff, welcher seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Jedoch, im Kontext der ganzen Überzeugung, war die „Wahrheit“ ein zentraler Trigger der auf uns wirkte. Sätze wie „Wie lange bist du schon in der Wahrheit?“, „Wie kamst du zur Wahrheit?“ verfolgten uns immer. Sie veranlassten uns, dieses Gift namens „Wahrheit“ immer tiefer in uns dringen zu lassen. WIR waren ja richtig. WIR hatten die „Wahrheit“. WIR waren die Elite mit der „Wahrheit“.

Hat man sich erst einmal mit der Systematik der Beeinflussung beschäftigt (Ich empfehle dazu u.a. Stephen Hassans Buch Freiheit des Geistes und George Orwells 1984), dann sieht man vermutlich die Antwort auf Fragen die immer wieder auftauchen:

  • Warum ich?
  • Wie könnte ich darauf hereinfallen?
  • Wie können Menschen denn Opfer von destruktiven Gruppen werden?
  • Sind sie dumm?

Zeugen Jehovas werden Schritt für Schritt in eine Falle gelockt. Es werden Situationen ausgenutzt, die Familie wird missbraucht, sie in diese Gruppen hineinzuziehen und der Ausweg wird versperrt. Dieser Bereich trieft dann nur vor Doppeldeutigkeiten und Triggern.

„XYZ hat die Gemeinschaft verlassen!“ Wenn man kein Mitglied eines Kaninchenzüchtervereins mehr ist, so sagt der Satz sehr wenig, außer dass Kaninchen nicht mehr ganz so wichtig sind. Doch als Zeuge in der Zuhörerschaft, wirkt einer der heftigsten Trigger. Es fühlt sich an, als ob jemand verstorben ist. Passend dazu setzt dieser Trigger gleich eine Reihenfolge von Verhaltensweisen in Gang, um diese Person zu ächten. Außenstehende können dies oft nicht verstehen, da sie die Mitgliedschaft bei den Zeugen mit der in einem Kaninchenzüchterverein gleichsetzen.

Diese kurze Aussage wurde so massiv mit Triggern versehen, dass sie uns heute noch ein flaues Gefühl bereiten kann, wenn wir dies lesen. Auch hier stellt sich die Frage, warum? Ist es altes Gift? Wenn man seine Sinne schärft und versucht, sich diesen Triggern zu stellen, so gehen nicht alle weg. Man hat diese Jahrzehnte lang antrainiert, es wäre illusorisch diese wie einen Rucksack in die Ecke stellen zu können. Jedoch, wenn ich meinen Rucksack genau kenne, dann kann ich ihn tragen und immer mal etwas auspacken.

Ohne Hass gehen

Wie weiter oben geschrieben, sind wir Opfer eines Diebstahls. Oft, als Kinder getäuscht, um unsere Jugend gebracht, wachen wir als Erwachsene auf und schauen auf eine gebrochene Biografie. Freunde die geraubt wurden, andere die wir wegen der Regeln vielleicht selbst verraten haben, Dinge die uns so von normalen Jugendlichen unterscheiden. Voller Trauer schauen wir auf Verpasstes, Geraubtes und Verlorenes.

Auch ich schaue auf ebenso eine Geschichte. Doch denke ich, dass die WTG unseren Hass nicht wert ist und diesen bewusst erzeugt, um uns das zweite Mal im Leben zu beherrschen und zu instrumentalisieren. Vielleicht erinnern sich einige Leser hier an die Personen welche mit Megafon und schlechten Transparenten vor den Kongressen warteten. Alle Klischees waren erfüllt. (Ich will an dieser Stelle keine Form des Aktivismus als falsch hinstellen, es geht mir nur um die Wirkung, welche es meiner Meinung nach hat.) Schaut man sich dann die Veröffentlichungen der WTG an, so schließt sich ein Kreis – Zeugen werden getriggert und man dient damit der WTG und löst sofort eine Blockade aus.

Die aktuelle Entwicklung sieht man in den neueren Zeitschriften: die WTG warnt immer mehr vor konstruktiven Diskussionen – denn dagegen sind Trigger viel schwerer nutzbar.

Daneben betrachte ich den Hass oder die Wut als eine Gefahr, wenn man helfen will. Solange unsere Tür offen steht, haben unsere Freunde die Möglichkeit, mit uns Kontakt aufzunehmen. Dazu müssen wir aber Frieden finden und verstehen, dass auch sie keine Täter sind. Auch sie wurden unserer Freundschaft beraubt, betrogen durch eine skrupellose Führung. Ich hoffe eines Tages, dass wir alle sehen dürfen, wie Freunde den Weg in die Freiheit finden. Wissend um die Schmerzen, welche wir haben und hatten, sind wir es, die ihnen helfen können. An dieser Stelle könnte sie die Wut wieder zurück in die Arme der WTG treiben.

Persönlich habe ich viele Jahrzehnte gerichtet. Urteile getroffen, bezüglich der Lebensführung, des Ausschlusses, der Weltsicht, betreffs Äußerlichkeiten und vieler anderer Dinge – so wie es die WTG forderte. Dies will ich nicht mehr. Meine Tür steht offen, ich habe meinen Frieden gefunden. Ich benötige keine große Entschuldigung – warum auch? Ich weiß wie es sich anfühlt, ich kann den Schmerz erahnen. Sicher, es wäre nicht ein Schritt auf NULL, so als ob nichts geschehen wäre. Aber einen ehemaligen Freund – auch wenn das Band der Freundschaft gerissen oder beschädigt ist – in Freiheit zu sehen und ihm vielleicht dabei zu helfen, ist mehr wert als mein bisschen Wut, Hass und Stolz.

Nicht die „Wahrheit“

Die Antwort habe ich sehr schnell für mich gefunden. Dies zu verinnerlichen gelang mir jedoch erst, als ich immer mehr verstand, wie das Lügengebäude aufgebaut war und wie ich Teil des Ganzen wurde, durch gezielte Manipulation.

Heute lese ich die Zeitschriften nur noch, wenn dies für einen Artikel notwendig ist. Dabei sehe ich, wie Bilder und Texte genutzt werden, um mich zu manipulieren. Von Zeit zu Zeit zeigt der innere Spiegel ein ganz kleines Monster das schüchtern grinst und mich triggern will, das ist aber nicht schlimm, ich habe es zuerst gesehen.

Auch sollte man den Mut aufbringen, wirklich am Anfang zu beginnen und seinen Glauben hinterfragen und auch dessen Grundlage – die Bibel. Es geht dabei nicht darum, Atheist zu werden, jedoch sollte man für sich eine Erkenntnis erhalten, was man glaubt. Eine Wahl, welche man gerade als Born-in nie hatte.

Manipulation in Worten versteckt

Kann man diese Manipulation auch in Begriffen der WTG erkennen? Eindeutig. Die Manipulation wird als Form der Entwicklung dargestellt. Phrasen wie „Die neue Persönlichkeit anziehen“, „ein Dienstamt anstreben“ oder „zur Reife vorandrängen“ sind klare Hinweise, dass die folgenden Anweisungen einen Menschen manipulieren sollen.

Teil dieser Manipulation wird der Leser dann, wenn er „Neuen beistehen soll“, „Jüngeren helfen kann, ein Dienstamt anzustreben“ oder in einer anderen Form andere „ermuntern“ soll mehr zu leisten oder sich im Sinne der Gemeinschaft – sprich der Vorgaben der Führung – einbringen soll. Teil des Systems wird man, wenn man auf andere „achten“ soll, sie den Ältesten melden usw., damit wird man selbst als Kontrollorgan aktiv. Diese kleinen Worte und Dinge sollten immer Signale sein, dass man manipuliert wird, einem System zu dienen. Besonders wenn Emotionen angesprochen werden, die Bindung zu Gott als Argument angeführt wird oder anderweitig Druck aufgebaut wird. Schaut man auf diese Punkte, erkennt man nach und nach, wie manipulativ die Zeitschriften, Vorträge und die „Gemeinschaft“ im Allgemeinen sein können.

Die „geistige Entwicklung“ definiert an dieser Stelle kein Erreichen einer neuen spirituellen Ebene, auf dem Weg zur Vervollkommnung, Erleuchtung oder Selbsterkenntnis – in dem Falle einer destruktiven Gemeinschaft wird es so dargestellt, jedoch dient die „geistige Entwicklung“ nur der Führung. Der Einzelne wird parallel dazu viel intensiver in die Leistungsstruktur eingebunden. Die Entwicklung bedeutet gleichzeitig das Aufgeben der Individualität und eigener Interessen im Interesse dieser Entwicklung. Dieser langwierige Prozess ist nur durch eine fortlaufende Indoktrinierung und Manipulation möglich. Dabei ist die Entwicklung wie bei einem Alkoholiker: das, was anfangs guttat – Trost durch die Lehre – wird immer exzessiver konsumiert – man soll als Interessierter die Versammlung besuchen, soziale Integration, Predigtdienst – was dazu führt, dass man sein Weltbild anpasst, seine Ziele ändert und irgendwann den regelmäßigen Konsum benötigt. Doch wie bei allen Drogen beginnt man mit der Zeit, die Dosis zu steigern (mehr Dienst, mehr Mitarbeit, mehr, mehr, mehr) doch es ist nicht wie am Anfang. Die Droge befriedigt nicht mehr in gleicher Weise.

Was beim ersten Rausch noch angenehm ist, hat irgendwann keinen Reiz mehr. Man lebt nur noch für den Pegel. Das Lovebombing wirkt ähnlich. Die Wärme nach den ersten Dosen dieser Droge ist unbeschreiblich, doch bei regelmäßigen Konsum fehlt die Wärme, die Leichtigkeit. Man merkt, dass es wie jede Droge nicht umsonst ist. Irgendwann bedeutet es, dass man immer mehr machen muss um nicht in Vergessenheit zu geraten. Dieser Automatismus wird jedoch wieder durch die Manipulation vertuscht. Das emotionale Schneeballsystem was einem Zeugen anerzogen wird, nimmt man nicht wahr. Steht man selbst am sozialen Rand, so sagen die Zeitschriften logischerweise was? Genau, suche den Fehler bei DIR, und NUR BEI DIR.

Hier schlägt dann wieder die jahrelange Manipulation zu. Die „Wahrheit“ hat keine Fehler, also liegt es an dir. Man kann dieses Thema beliebig fortsetzen, jedoch ist der zentrale Schlüssel, diese Manipulation zu erkennen, sie für sich selbst zu reflektieren und wo möglich – vielleicht auch mit professioneller Hilfe – diesen Reigen zu durchbrechen.

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. Pyra sagt:

    Ein sehr gut geschriebener und durchdachter Text. Um an diesen Punkt zu kommen, an welchem du angekommen bist, bedarf es harter Arbeit an sich selber. Was man aber nicht außer Acht lassen darf, sind die 5-Phasen der trauer, welche man durchlebt wenn man aufwacht. Bei manchen mag das schleichend passieren bei anderen wie auf einen Schlag. Man muss aber an sich arbeiten um nicht in einer Phase stecken zu bleiben. Wie zum Beispiel der Wut oder schlimmer noch der Depression und so den bOrg in die Hände zu spielen.
    Dies ist kein linearer Prozess. Das heißt nicht, dass wenn ich mit „der Wut“ durch bin, auf dem Weg in die Depression ich nicht wieder wütend sein kann. Deshalb finde ich es wie Oliver so wichtig zu fragen, warum glaube ich das nicht mehr, nicht warum glaubt ER es nicht. ICH muss MICH mit MEINEN Zweifeln auseinander setzten und zu einer Conclusio kommen um damit in frieden abschließen zu können. Sonst renne/ rede ich wieder nur jemanden anderen nach, der für mich das denken übernimmt. Aber auch das ist ein hartes Stück arbeit. So etwas wie eine eigene Meinung zu haben klingt einfach – ist es aber nicht. Vor allem nicht wenn man ein ZJ war. Da wird es einem abtrainiert eine eigene Meinung zu haben – dort wird man getriggert. Man wird glaubend gemacht, dass man eine eigene Meinung hat in Wirklichkeit wird sie eingeimpft. Und wie du, Oliver, geschrieben hast, ist es deshalb auch so wichtig diese Trigger zu erkennen, bewusst zu machen und zu überwinden. Es ist nur nervenaufreibend wenn man mit ZJ spricht (sei es Familie oder nicht) und du versuchst mit ihnen sinnvoll zu diskutieren. Sie hauen dann immer nur diese Phrasen raus und die Gespräche drehen sich nur im Kreis. Da kann man dann sehen wie viel tatsächlich eigene Meinung ist und was antrainiert/ indoktriniert.

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    1. Oliver Wolschke sagt:

      Hi Pyra,

      lieben Dank für deinen Kommentar. Ich denke bei jedem Einzelnen verläuft der Prozess der Verarbeitung unterschiedlich, was die Länge und die Phasen betrifft. Es spielen viele Umstände bei diesem Prozess eine Rolle. Beispielsweise, ob ich hineingeboren wurde, ob ich Familie in der Organisation hinter mir lassen musste, wie schnell ich mich im neuen Leben zurechtfinde, usw. Dass es kein linearer Prozess ist, hast du mMn genau richtig formuliert. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Trauer und Wut kommen immer wieder mal hoch. Ich verliere mich manchmal mit Absicht in der Trauer und lese mir die Abschiedsnachrichten von Freunden durch. Einfach weil ich diese Menschen nicht vergessen möchte. Ich finde mich auch in Wut wieder, wenn ich mich mit dem Thema Kindesmissbrauch beschäftige oder lese, wie Familien auseinander gerissen werden. Ich muss lernen, damit umzugehen, dass diese Emotionen mein Leben nicht bestimmen und dabei helfen, die hier im Text genannten Schritte, aus meiner Sicht recht gut. Ich fand den Vergleich dazu auch sehr passend: „Wenn ich meinen Rucksack genau kenne, dann kann ich ihn tragen und immer mal etwas auspacken.“

      Übrigens stammt der Artikel von Sebastian. Ich finde ihn auch sehr gelungen.

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    2. Pyra sagt:

      Ahhhhh sry Sebastian. Bitte ersetze „Oliver“ durch „Sebastian“ – wie peinlich.

      Den Vergleich mit dem Rucksack finde super. Den merke ich mir. Ich muss auch noch an so viel arbeiten v.a. daran mich zu beherrschen und eine Diskussion zu beende wo es keinen Sinn macht (um auch meine eigenen Nerven zu schonen). Aber ich schätze solche Berichte und die Community da ich weiß, es geht andern ähnlich wie mir. Danke 🙂

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    3. Barbara Kohout sagt:

      So viele hilfreiche Gedanken! Mir gefällt besonders die Unterscheidung zwischen „etwas verlieren, wie einen Schlüssel“ oder etwas „geraubt“ werden. Und ja – die Trigger sind sehr wirkungsvoll, wenn man es versäumt sich deren bewusst zu werden.
      Vielen Dank für diesen anregenden und informativen Beitrag.

      Antworten
  2. Manuela Kowalewsky sagt:

    Hallo Oliver,

    Ich finde Deine Artikel immer wieder gut. Auch ich hatte vier Jahre lang ein bibelstudium und wurde zur Versammlung genötigt und werde jetzt geächtet. Auch ich versuche mich gerade dieser Manipulation zu entziehen. Ich habe diese Gruppendynamik nie verstanden. Trotz allem plagt mich immer wieder mein Gewissen. Wie gesagt: es ist schwer den rucksack in die ecke zu stellen und da auch stehen zu lassen. Aber Übung macht den Meister.

    Mach weiter so.
    Manuela Kowalewsky

    Antworten
    1. Oliver Wolschke sagt:

      Liebe Manuela,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Wie du geschrieben hast, entledigt man sich dessen, was man viele Jahre konsumiert und im Kopf verankert hat, nicht von heute auf morgen. Aber ich freue mich für dich, dass du die Reißleine ziehen konntest. Und wie Sebastian im Artikel beschrieben hat, musst die den Rucksack auch erstmal gar nicht in die Ecke stellen. Trage ihn mit dir rum und nimm immer wieder etwas heraus. Ich wünsche dir dabei viel Erfolg.

      LG Oli

      Antworten
  3. Nati sagt:

    Lieber Oliver
    Danke für Deine Gedanken. Dein Bild aus Matrix hat es mir besonders angetan. Genau so kam ich mir vor einem Jahr vor, als ich die “rote Pille” geschluckt habe und nachgeforscht habe, stundenlang, nächtelang. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ich hab damals zu meinem Mann immer wieder gesagt:”ich bin aus der Matrix aufgewacht”. Glücklicherweise gehen wir diesen Weg jetzt zusammen. Und es liegt noch viel vor uns…. wir sind, genau wie Du als ZJ aufgewachsen. Aber ich hab inzwischen so viele liebe Ehemalige kennengelernt, dass es mir das alles leichter macht. Danke für Deine Aufklärungsarbeit. Es ist sehr sehr wichtig, was Du tust.

    LG, Nati

    Antworten
    1. Oliver Wolschke sagt:

      Hey Nati,

      danke dir für deinen Kommentar! Ich freue mich sehr, dass ihr zu zweit den Ausstieg geschafft habt und das ihr liebe Menschen gefunden habt, die euch bei diesem Weg begleiten. Der Vergleich mit der Matrix ist total passend. Das kann man nur nachempfinden, wenn man selbst aufgewacht ist. Ein noch aktiver Zeuge kann nicht verstehen, dass es ab diesem Zeitpunkt unmöglich ist, zurückzukehren.

      LG Oli

      Antworten
  4. Volker J. Blockhaus sagt:

    Sehr informativer Artikel, der korrekt beschreibt, was passiert – vor allem, was nach dem Ausschluss passiert.

    Zitat: „Es fühlt sich an, als ob jemand verstorben ist. Passend dazu setzt dieser Trigger gleich eine Reihenfolge von Verhaltensweisen in Gang, um diese Person zu ächten.“

    Bei mir liegt die Exkommunikation (wegen meines Bekenntnisses zu Jesus) 8 Monate zurück. Mir war bewusst, worauf ich mich einließ. Aber ich hatte keine Vorstellung davon wie es sich anfühlt, wenn man wie ein „Toter“ betrachtet/behandelt wird. Das Ausmaß ist in meinem Fall ziemlich groß, da in meiner Verwandtschaft viele, viele (linientreue) Älteste sind, die mich als ehemaligen Ältesten (30 Jahre lang) als den Abtrünnigen per se betrachten. Es ist emotional nicht so einfach, diese jahrzehntelangen engen Beziehungen (auch im engsten Familienkreis) einfach fahren zu lassen. Aber die Betreffenden verlangen das. Sie sind weder bereit, sich inhaltlich mit dem Thema auseinanderzusetzen noch Kontakt in jeglicher Form zuzulassen: Kein Gespräch, kein Telefonat, kein Blick. E-Mails werden ignoriert und vermutlich ungelesen gelöscht. Wenn sie einem wegen örtlicher Gegebenheiten nicht ausweichen können, schauen sie tangential an einem vorbei oder durch einen durch. Pervers!

    Und trotzdem war es richtig, wozu ich mich entschieden habe. Glücklicherweise gibt es einige wenige, die sich nicht verführen lassen und die Kontakt zulassen. Für mich ist wichtig, meinen Glauben zu stabilisieren. Der o.g. Artikel hebt richtigerweise hervor, dass die Trennung von der Org nicht zum Atheismus führen muss (und es auch nicht sollte). Ich habe festgestellt, dass das persönliche Verhältnis zu unserem himmlischen Vater und zu seinem Sohn, unseren Erlöser, das A und O ist. Wenn dieses Verhältnis stimmt und gepflegt wird, hat die beschriebene Manipulation keine Chance, einen wieder „zu kriegen“. Aber man muss es wirklich pflegen. Und am besten klappt das in der Gemeinschaft, die schlechtestenfalls aus einer weiteren Person besteht: „Wo sich zwei oder drei in meinem Namen versammeln, bin ich in ihrer Mitte“ sicherte unser Herr Jesus Christus zu. Probieren wir es aus, werden wir feststellen, dass es kein leeres Versprechen war. Und in dieser kleinsten denkbaren Form von Gemeinde fällt es leichter, die oben beschriebenen emotionalen Belastungen aufzulösen. Solange dieser eine fehlende Partner noch nicht vorhanden ist, darf man aber getrost auf wirkungsvolle Hilfe von oben vertrauen. Die beiden Höchsten lassen niemand im Stich, der sich ihnen naht.

    Deshalb empfehle ich im Sinne der christlichen Liebe, den Kontakt zu solchen „für tot Erklärten“ aktiv zu suchen, um sich gegenseitig auf dem Weg in die christliche Freiheit zu helfen. Vielleicht könnte man hier auf dieser Seite eine Möglichkeit schaffen, Gleichgesinnte – zunächst einmal per E-Mail – kennenzulernen.

    Herzliche Grüße an alle, die sich befreit haben bzw. dabei sind, es zu tun

    Volker J. Blockhaus

    Antworten
    1. Anni Meyer sagt:

      Das ist richtig. Für die bin ich tod. Das schmerzt unerlässlich. Und ich ertappe mich dabei denen einzelnen Personen keine Schuld daran zu geben. Man hat das Spiel ja selbst lange so mitgespielt. Ich denke ernsthaft über eine Fake Todesanzeige nach. Mit dem Motto; für 8 Millionen bin ich bereits Tod. Um diese Thematik ins Bewusstsein aller Menschen zu bringen. Aber wenn ich ehrlich bin habe ich dafür keine Kraft. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, dass mit dem Rohrstock verdroschen wurde. Danke Oliver für deine tolle Internetseite. Ich lese immer darin, wenn es mir schlecht geht.

      Antworten
  5. Thomas sagt:

    Hallo,
    der Artikel spricht mein Innerstes nach 2 Jahren „folgsamer Zeuge Jehovas sein“ wirklich an. Manipulieren will gekonnt sein – und das können die Zeugen! „Bist du bei uns, gehörst du zur Gemeinschaft.“ „Als Nachfolger Jesu Christi zeigen wir dir, wie du nun leben musst.“
    Was mich das letzte Jahr nach meinem Austritt immer nur beschäftigt hat, nachdem ich gleich nach meiner Taufe vor 3 Jahren ins eiskalte Wasser gestoßen wurde: Wozu dieser immense Aufwand und die Kosten der „Bibellehrer“ über Jahre ein Mitglied zu werben, zu begleiten und in die Gemeinschaft der Zeugen einzuführen um mir dann das Gefühl zu geben ein absolutes Nichts zu sein? Wenn doch wirklich alles kostenlos ist und die „Aufseher“ kein Gehalt für ihre „Arbeit“ bekommen, warum mich dann auf die unterste Ebene stellen um mich als „schau dort der Neuling“ zu präsentieren? „Ja, der ist ja nun einer von uns, so soll er nun auch gerichtet werden.“ ist die Antwort der Ältesten auf mein Erwartung um Anerkennung für meine Bemühungen und meine Treue. „Streng dich an und versuche bald Dienstamtsgehilfe zu sein. Gib dich immer unterwürfig und danke Gott für deine Privilegien.“ „Schau, dieser junge Bruder ist erst 30 und schon Ältester wie sein Vater.“
    In den Reihen der Sitzbänke sehe ich dann die Streitsucht der Mitglieder und den Konkurrenzdruck. „Ich habe 270 Einladungen verteilt!“ Es wird getratscht wie vor 80 Jahren auf dem Dorf. „Gestern hat die Schwester mich wegen meines Rocks einfach angeschnauzt, dabei geht die geschminkt in den Dienst wie eine vom Strich!“
    „Wir sind die wahren Christen und helfen uns!“. Ich allerdings kam wieder völlig verschwitzt zum Gottesdienst – im frisch gebügelten Hemd – am schönen Königreichsaal an. Warum wird die Schwester von vorne aus der 2. Sitzreihe immer abgeholt und ich muss jedes Mal darum kämpfen? Ich glaube ich laufe lieber – ich meine ich gehe, ich trete aus, ich kann das nicht mehr das ertragen, denn ich habe die Wahrheit gefunden: über die Zeugen. Leider auch das, was passiert, wenn man es wagt die Wahrheit in den Mund zu nehmen oder gar auszutreten… dann geht der Psychoterror erst richtig los. Dann lernst du die Zeugen erst richtig kennen, denn die Maske der „Bruderschaft“ fällt. Und da ist keiner mehr da von deinen alten Freunden, der dir hilft.

    Antworten
  6. Bianca sagt:

    Hallo Oliver,

    ich Schreiber hier nun einen Kommentar, weil ich mir nicht anders zu helfen weiß. Ich war 6 Jahre mit einem Zeugen Jehovas zusammen. Er war lt ihm nicht so ganz streng in der Ausübung. In den letzten paar Wochen beging das Thema „zusammenziehen“ und das Drama nahm seinen lauf. Zunächst wollte er einen Kompromiss schließen und erst heiraten (was für mich in Ordnung war) doch Dann ganz plötzlich nach einigen Wochen beendete er die Beziehung schlagartig, mit dem Argument,das ich ihn niemals in die Versammlung usw begleiten würde und unsere noch nicht vorhandenen Kinder nicht in der „Wahrheit “ aufwachsen würden. (Das hätte ich nicht zugelassen) Nun lese ich sehr viel über die Zeugen und kann einfach nicht verstehen, warum er selber diese Manipulation und die zerstörerische Macht nicht sieht. Er ist lieber ein unglücklicher Zeuge als ein glücklicher Mensch. Kann man ihn noch retten? Kann man diese Manipulation für alle stoppen?

    Antworten
    1. Carsten sagt:

      Das ist ja das perfide an psycho-mentaler Manipulation: Man denkt, es muss so sein, dieses Leid gehört auf gewisse Weise dazu. Dadurch wird man „geläutert“ und verdient sich so seinen Platz in der „Wahrheit“. Davor schützen und retten kann nur er sich selbst. Denn er braucht dazu die Erkenntnis, dass es anders ist, als er denkt (und glaubt), diese kann ihm niemand abnehmen.
      Ich bin mir sicher, dass er nochmals von „Ältesten“ besucht wurde, als bekannt wurde, dass er eine „weltliche“ heiraten möchte und durch diesen Besuch wieder in die Spur zurückgebracht wurde. Leider durfte ich dies selbst am Beispiel meiner Schwester sehen, die einen Nicht-Zeugen heiraten wollte. Der Druck da seitens der ZJ ist enorm und die Argumente sind exakt die Gleichen wie bei Deinem Ex – Freund.
      Das was Du ansprichst ist aus seiner Sicht wahrscheinlich eine „Prüfung“ und wenn er diese „besteht“ wird Dein Ex – Partner von „Jehova“ in Zukunft auf irgendeine Weise für seine Opfer „entschädigt“, es wird wieder gut gemacht.
      Was ich mich unter anderem (zugebenermassen etwas ironisch) zu der Frage bringt: Wie sieht diese „Wiedergutmachung“ aus? Darf derjenige dann 3 Tage länger ewig leben in diesem „Paradies“? Oder wird er ein Stück vollkommener als Andere, die nicht die gleichen Opfer gebracht haben? Wie sieht diese Wiedergutmachung aus?

      Ein guter ZJ würde jetzt antworten, dass Jehova das schon richtet, schliesslich ist er ja ein „allmächtiger Gott“ und wir Menschen das ihm überlassen sollten…
      Es ist so einfach, in dieser unerwachsenen Haltung, die Verantwortung über sein eigenes Leben abzugeben.
      Wenn man das Ganze aus einer gewissen Distanz, wie aus einem Helikopter, anschaut – und das ist für einen „guten“ ZJ nicht möglich – erst dann erkennt man die sinnbefreiten und manipulativen Elemente darin. Ansonsten ist man zu sehr darin gefangen.
      Der dortige Brainwash und Kontrolle ist wirklich enorm und wie ich eingangs beschrieb, gibt es für ZJ für alles eine Erklärung und Möglichkeit, warum das so sein muss. Und nur wenig von aussen kann dies ändern, wenn überhaupt.
      Wie bei Verschwörungstheoretikern auch, ist jedes Gegenargument eines von „den Bösen“ und bestätigt sie, denn schliesslich kennen ja nur sie die „Wahrheit“.
      Beispiel hierfür: Wissenschaftliches wird gerne als Argument genutzt, wenn es die biblische Schöpfungstheorie unterstützt. Doch stützt ein wissenschaftliches Argument die Evolution, dann hat „Satan dies so beeinflusst“ und ist unwahr.
      Diskussionen oder Argumente auf diesem kindlichen Niveau sind fruchtlos und führen zu nichts.
      Wie Oliver auch in einem seiner Artikel auf dieser Website einfach nachvollziehbar erläuterte, ist der Glaube eines ZJ, die wirkliche „Wahrheit“ zu haben, in sich nicht schlüssig.
      Wenn etwas „wahr“ ist, dann ist es unumstösslich, wie beispielsweise die thermodynamischen Gesetze in der Physik.
      Es kann – um es vorsichtig auszudrücken – nicht DIE einzige „Wahrheit“ sein, wie es die Zeugen sagen.
      Warum sonst sollte eine Organisation, welche die Wahrheit hat, grundlegende Lehren wie die des Gerichtages Gottes oder auch der sog. 144’000 immer wieder anpassen müssen?

      So wahr (im Sinne von korrekt) kann das Ganze mit etwas Nachdenken nicht sein, wenn es immer wieder durch „helleres Licht“ angepasst werden muss. Ganz zu schweigen von der Frage, ob Gott sich dann sicher ist, was er tut, sollte er wirklich der „leitenden Körperschaft“ mitteilen, was das „Licht“ ist. Aber vielleicht will er ja nur die treue Prüfen wie bei Hiob…
      Und von Konstruktivismus (nach Paul Watzlavik) möchte ich jetzt erst gar nicht sprechen.
      Ich bin nach fast 30 Jahren (erste Zusammenkunft mit 8, „Taufe“ mit 16) ebenfalls aus dieser sektenartigen Gemeinschaft ausgestiegen und habe dadurch, wie viele andere, meine gesamte Familie (alles ZJ) und meine besten Freunde zurücklassen müssen. Doch mittlerweile habe ich andere Wege beschritten.
      Nach meinem Weggang habe ich mich psychologisch weitreichend weitergebildet und bin mittlerweile unter anderem systemischer Coach und Berater. In meiner Erfahrung mit den verschiedenen Menschen erlebe ich immer wieder, wie wichtig innere, eigens erschaffene Strukturen und die bedingungslose Liebe sich selbst gegenüber sind. Diese inneren Strukturen geben halt. Das sagt sogar die Bibel : „Liebe Deinen nächsten, wie Dich selbst“.
      Nur ist dies bei ZJ so nicht möglich. Denn würde man dies wirklich tun, dann würde man ganz schnell die von aussen aufgedrückten Strukturen hinterfragen / bezweifeln. Und das will dort keiner, im Gegenteil.
      Was ich auch erleben durfte ist, dass viele Menschen (unabhängig, ob sie in einer Glaubensgemeinschaft sind oder nicht) nach Halt und Strukturen suchen.
      Aber nur wenige haben es bisher geschafft, sich diese in sich selbst zu erschaffen.
      Oft ist es so, dass von aussen angebotene Strukturen dann dankbar angenommen werden, denn einerseits braucht es deutlich weniger Aufwand und andererseits muss man sich nicht selbst erforschen. Oft hält die Angst einen davor ab. Diese Angst, welche man spürt, wenn man entdeckt, dass man keine Strukturen in sich hat und vor dem, was man sehen könnte, wenn man in sich hineinblickt (selbstreflektiert).
      Ich wünsche jedem, dass er diesen schweren, aber ertragreichen Weg lernt zu gehen und den Mut aufbringt, unabhängig von ausse, seine Bedürfnisse zu erkennen und diese wertschätzend, wie auch respektvoll anderen gegenüber sich selbst zu erfüllen.
      Ich zumindest habe diesen Weg beschritten und bin glücklich über das, was ich in mir entdecken konnte.
      Das wünsche ich jedem.

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