Sind Jehovas Zeugen eine amerikanische Sekte?

Ehemalige Hauptzentrale der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn (New York)Quelle: Sergio Herrera
© Sergio Herrera

Die Wachtturm-Gesellschaft liefert auf ihrer Webseite vier Argumente auf die Frage, ob Zeugen Jehovas eine amerikanische Sekte sind. Betrachtet man diese etwas genauer, merkt man, wie bewusst der Antwort aus dem Weg gegangen wird. Auch wenn der Erkenntnisgewinn gering ist, so kann es doch helfen, die Texte der WTG zu verstehen.

Argument 1: Definition des Begriffs „Sekte“

Viele verstehen unter einer Sekte eine Gruppe, die sich von einer etablierten Religionsgemeinschaft abgespalten hat. Das ist bei Jehovas Zeugen jedoch nicht der Fall. Wir möchten das Christentum lediglich wieder so praktizieren wie die Urchristen.
jw.org

Der Duden definiert den Begriff Sekte wie folgt:

(veraltend) kleinere Glaubensgemeinschaft, die sich von einer größeren Religionsgemeinschaft, einer Kirche abgespalten hat, weil sie andere Positionen als die ursprüngliche Gemeinschaft betont, hervorhebt
(meist abwertend) kleinere Gemeinschaft, die in meist radikaler, einseitiger Weise bestimmte Ideologien oder religionsähnliche Grundsätze vertritt, die nicht den ethischen Grundwerten der Gesellschaft entsprechen

Duden: Sekte

An dieser Stelle wird eine Definition durch die Organisation aufgegriffen, welche veraltet ist. Die wenigsten unter uns, würden den Begriff Sekte in irgendeiner Form mit einer Splittergruppe in Verbindung bringen. Vielmehr wird dieser Begriff wertend genutzt. Dies sieht man auch an Scientology – nicht die religiöse Entstehung spielt eine Rolle, sondern der nachhaltig negative Einfluss auf Menschen. Natürlich ist es korrekt, dass Zeugen Jehovas keine Splittergruppe sind, sie sind eher ein Schmelztiegel vieler verschiedener Lehren.

Hier wird bewusst von der eigentlichen Frage abgelenkt: Sind Zeugen Jehovas eine destruktive Sondergemeinschaft?

Auch ein weiterer Schachzug ist enthalten: die immer wiederkehrende Bezugnahme auf die Urchristen. Da die Gemeinschaft kaum eine eigene Vergangenheit hat und selbst aus dieser Russell (Gründer der heutigen Zeugen Jehovas) immer mehr herauslässt, muss man sich den Anschein geben, keine neue Gruppierung zu sein. So ist auch hier wieder der Bezug auf die Urchristen gegeben.

Argument 2: Weltweit aktiv

Unsere Gemeinschaft ist in über 230 Ländern und Territorien aktiv. Und ganz gleich, wo wir leben, fühlen wir uns nicht in erster Linie der amerikanischen oder irgendeiner anderen Regierung zur Treue verpflichtet, sondern Jehova Gott und Jesus Christus.

Die Frage nach dem Bezug zu Amerika basiert auf der Entstehung der Gemeinschaft. Ist Coca Cola ein amerikanisches Getränk? „Nein, es wird weltweit verkauft.“ Ist ein Chevrolet ein amerikanisches Auto? „Nein, denn es wird weltweit verkauft.“ Diese Antworten würden uns sicher amüsieren, da sie nicht der Wahrheit entsprechen. Coca Cola ist ein typisch amerikanisches Getränk was Dank des Geschmacks weit verbreitet ist und der Chevrolet gefällt eben wegen seiner amerikanischen Wurzeln.

In der einleitenden Zeile des Artikels heißt es: Unsere Weltzentrale befindet sich zwar in den USA. Trotzdem sind wir keine amerikanische Sekte.

Genau das, was Punkt 2 abstreitet wird hier wieder bestätigt. Eine „Weltzentrale“, das Hauptquartier, befindet sich in den USA. In absoluter Abhängigkeit davon sind die Zweige. Die Gelder werden in den USA verwaltet, alle Entscheidungen werden dort getroffen, das Führungsgremium sitzt in den USA. Diese Frage ist nur durch die innere Struktur und neuzeitliche Entstehung zu beantworten.

Auch wenn man sich die „geistige Speise“ (Publikationen) der Gemeinschaft anschaut, ist vieles sehr amerikanisch geprägt. Ratschläge hinsichtlich des Schulsystems, Vorstellungen über das Leben, usw.

Argument 3: Keine menschliche Führung

Was wir lehren, gründet sich komplett auf die Bibel – nicht auf die Schriften irgendeines religiösen Predigers in den USA.

Folgt man der Definition Sekte, welche in Punkt 1 aufgegriffen wurde, so macht diese Argumentation keinen Sinn. Jedoch weiß der Schreiber genau, was bei dem Begriff Sekte gemeint ist. Der Anfang definiert den Begriff um, dieser Punkt versucht die Struktur der Zeugen Jehovas zu leugnen. Schaut man sich die aktuellen Rechtsfälle an (ARC, Campos, IICSA, Charity Commission), so ist genau diese Behauptung falsch. Ein menschengemachtes Regelwerk hat viel Leid über Missbrauchsopfer gebracht.

Die Frage ob man die leitende Körperschaft noch als den treuen und verständigen Sklaven akzeptiert, entscheidet über den Ausschluss. Lehränderungen und Lehrverständnis werden einzig und allein durch dieses Führungsgremium geduldet. Sehr deutlich widerlegt die eigene Literatur die Argumente in diesem Punkt:

Billigt es „der treue und verständige Sklave“ wenn sich Zeugen Jehovas eigenständig zusammensetzen um biblische Themen zu untersuchen und zu debattieren? Nein. […] Daher billigt der „treue und verständige Sklave“ keinerlei Literatur, keine Websites und keine Treffen, die nicht unter seiner Leitung hergestellt oder organisiert werden.
Königreichsdienst September 2007

Argument 4: „Wir folgen Jesus Christus, nicht irgendeinem Menschen“

Hier gibt es sicher verschiedene Sichtweisen, besonders wenn man die Sicht auf Gott und seinen Sohn tiefergehend betrachtet. Gibt es aber einen Menschenkult bei den Zeugen Jehovas? Irgendwelche Menschen denen man folgt?

Schaut man sich die Rolle der leitenden Körperschaft an, so ist dies für mich schon eine Idealisierung von Menschen. Eine eigene Show im Internet, auf Kongressen haben sie eine Sonderrolle, usw. Auch der Punkt 16 auf Seite 66 des Buches „Hütet die Herde“ lässt Zweifel aufkommen.

Verursachen von Spaltungen oder Fördern von Sektierertum: Das ist eine vorsätzliche Störung der Einheit der Versammlung oder untergräbt das Vertrauen der Brüder in die von Jehovas vorgesehene Art der Leitung. Es kann Abtrünnigkeit sein oder dazu führen.
Hütet die Herde Gottes – 2010, Kapitel 5, S. 66

Die vorgesehene Art der Leitung bedeutet, dass jeder der die leitende Körperschaft anzweifelt als Apostat ausgeschlossen werden kann. Selbst die leitende Körperschaft abzulehnen und sich als Nachfolger Christi zu bekennen, kann zum Ausschluss führen.

Und wer stellt diese Regel auf? Die leitende Körperschaft. Diese beansprucht, dass jedwede Kritik an ihrem Führungsanspruch als Abtrünnigkeit gedeutet werden kann und zum Ausschluss führt. Folgt man nicht Menschen, wenn man sich dieser Regel unterwirft? Wie kann überhaupt ein geheimes Buch für Älteste existieren, geschrieben im Auftrag der leitenden Körperschaft, wenn sich alles „komplett auf die Bibel“ gründet „nicht auf die Schriften irgendeines religiösen Predigers in den USA?“

Auch dieser Artikel versucht eine häufig gestellte Frage durch Umdeutung unbeantwortet zu lassen.

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. Manuela Kowalewsky sagt:

    Hallo Oliver,

    auch ich habe seit mehr als 30 Jahren Kontakt zu dieser Organision und mach mir meine Gedanken. Auch ich wundere mich, dass soviel Geld dahinter steckt. Ich finde Deine Arbeit gut. Gut recherchiert. Die Bibel ist ansonsten ein wunderbares Buch.

    Lg
    Manuela

    Antworten
    1. Oliver Wolschke sagt:

      Liebe Manuela,

      vielen Dank für deinen Zuspruch. Ich erhalte bei der Aufklärungsarbeit Hilfe von Schreibern. Diese werden sich über dein Lob sicher freuen 🙂
      Das solch eine Organisation in der Größe ohne Geld nicht funktionieren kann, ist logisch. Allerdings ist die fehlende Transparenz für mich ein Problem. Es wird um Spenden gebeten und die eigentlichen Hintergründe für die Aufrufe werden nur den Ältesten bekanntgegeben. Das vehemente Streiten vor Gerichten kostet Geld. Beispielsweise das Zurückhalten von Dokumenten in einem Fall von Kindesmissbrauch vor dem Gericht in San Diego, kostet jeden Tag 4.000 US-DOLLAR.

      VG Oli

      Antworten
  2. Nana sagt:

    Also handelt es sich in letzter Instanz um Spenden in Zusammenhang mit Kindern? Das ist doch eine gute Sache.

    Antworten
  3. Heike Hennig sagt:

    Hallo Oliver
    würde mich gerne mal austauschen.. über den jetztigen Stand der Zeugen Jehovas..
    arbeite in der ambulanten Psychiatrie und habe gerade einige heftige Erfahrungen und Informationen bekommen

    Antworten
  4. Marisol sagt:

    Vielen Dank für diese sehr gute Abhandlung.
    Die Behauptung der Zeugen Jehovas :“wir möchten lediglich das Christentum praktizieren wie die Urchristen“ lässt bei mir einige Fragen aufkommen:
    1. Gab es eine Kindertaufe im 1. Jahrhundert?
    (bei ZJ ist es möglich: gern ab 10 Jahren, gesetzliche Religionsmündigkeit spielt auch keine Rolle)
    2. Durften christliche Frauen im 1.Jahrhundert in den Versammlungen sprechen oder wurden sie aufgefordert in den Missionardienst
    zu gehen?
    (bei JZ ist dies selbstverständlich und kein Widerspruch)
    3.War es Urchristen gestattet einen Bart zu tragen?
    (bei JZ ist dies nicht gern gesehen- interne Anweisungen dulden keine Bartträger als Vortragsredner auf der Bühne)
    4. Wie betrachteten die Urchristen ihre Mitmenschen, gab es Nächstenliebe für andere?
    (bei JZ wird grundsätzlich ein Feindbild aufgebaut: Kontakt zu Nicht-Zeugen ist immer eine potenzielle Gefahr für Denjenigen, der doch
    nur das Urchristentum ausüben möchte )
    5.In welcher Form hatte ein Urchrist Rechenschaft über seinen Dienst für Gott abgelegt?
    (bei JZ muss jeden Monat ein schriftlicher Bericht über aktiven Zeiteinsatz abgegeben werden- es zählt allerdings nur Predigtdienst
    d.h. Werbung für JW.ORG, soziale Hilfeleistung an Eltern oder Gemeindemitgliedern fallen nicht darunter)

    Jehovas Zeugen (dschaydabbelyu.org) sind keine amerikanische Sekte, weil sie sich komplett auf die Bibel stützen. Sie folgen nur Jesus Christus und haben auch keinen menschlichen Führer, der etwas verlangen könnte, was nicht von Jesus bestimmt worden wäre.
    Deshalb sind alle sehr, sehr glücklich und voller Vertrauen weil es reife Christen gibt, die ihnen doch ein bisschen den Weg zeigen.
    Ein direkt von Gott eingesetzter Sklave ist noch christlicher als alle anderen und hilft alle (neuen/alten) Veränderungen der ursprünglichen
    Lehren zu verstehen.
    Wer das nicht glaubt, und nicht „die Wahrheit“ sieht, muss ein geistig armer Mensch sein. (Argument eines ZJ)

    Ich wünsche allen Mitlesern und Mitschreibern einen regen Austausch und danke herzlich Sebastian, Oli und allen Organisatoren, die dies möglich machen.

    Viele Grüße
    Marisol

    Antworten
  5. HG sagt:

    Bei den ZJ geht es primär um
    Geschäfte mit der Unsicherheit und Einfalt der Menschen.

    Antworten
    1. Anela sagt:

      Ja ,dass stimmt.
      Bei den Spenden ist es ihnen egal ,ob es Schmuck ist was man spenden möchte oder Gelder …und man muss es bestätigen lassen ,dass man es aus freien Stücken macht !Und man selbst wird unterdrückt ,dass Bildung nicht gut wäre sonst verpasst man den Stoff die Jehovas Zeugen behandeln so was die ältesten Lehren

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  6. Anela sagt:

    Das ist wohl wahr

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