Oliver Wolschke im Stern-Interview und die Reaktionen darauf

Foto © Gene Glover

In der Ausgabe des Stern 34/2017 erschien ein Interview, das Arno Luik mit mir geführt hat. Sowohl in der gedruckten Ausgabe als auch online erschien jeweils die Kurzversion. Es folgt das Interview in voller Länge. Am Ende des Textes berichte ich von den Reaktionen die ich im Nachgang der Veröffentlichung erlebt habe.


Über 20 Jahre lang glaubte Oliver Wolschke an die Lehren der Zeugen Jehovas. Dass der Untergang der Welt bevorsteht. Dass vorehelicher Sex eine Sünde ist. Als er Vater wurde, zerbrach sein Glaube. Er verließ die Sekte, um seine Kinder zu retten. Nun ist er froh, dass ihm das gelang. Obwohl er dabei ungeheuer viel verlor.

Wie, Herr Wolschke, wie war das, als Sie zum ersten Mal an einer fremden Haustür klingelten und sagten: „Wir möchten Ihnen die frohe Botschaft Jehovas nahebringen!“

Ich war neun Jahre alt, und ich war unterwegs mit meinem, wie es bei den Zeugen Jehovas heißt, „geistigen Vater“. Ich war schon geschult in so kleinen Demonstrationen, wie man auf Ablehnungen, Einwände eingeht, wie man so einen Missionsbesuch einleitet.

Also, was sagten Sie?

Man ist sehr freundlich, sagt zum Beispiel seinen Namen: „Schönen guten Tag, mein Name ist Oliver Wolschke, und das hier ist mein Partner. Wir sind heute mal an Ihre Tür gekommen, weil wir festgestellt haben, dass die Menschen immer weniger an einen Gott glauben und …

Dann fällt die Tür zu!

Und dann fällt häufig die Tür zu – sobald das Wort „Gott“ gefallen ist oder das Wort „Bibel“.

Es ist doch peinlich, in eine fremde, private Welt einzudringen, um unbekannte Personen mit seinem Missionseifer zu belästigen.

Es ist unangenehm. Aber peinlich ist es nicht, denn als Zeuge Jehovas steht man voll und ganz hinter dem, was man glaubt. Ich habe ja damals wirklich gedacht, wir haben die Wahrheit und die anderen Menschen erkennen sie einfach nicht, und wir müssen sie retten. Diese Überzeugung gibt dir die Kraft, selbstbewusst an die Tür von Fremden zu gehen.

Und? Hatten Sie mal Erfolg mit Ihren Bekehrungsversuchen?

Nicht wirklich, es gab gelegentlich Gespräche mit Leuten, die sich über Monate hinzogen.

Trat aufgrund Ihrer Bemühungen jemand zu den Zeugen Jehovas über?

Nein, und darüber bin ich jetzt sehr froh! Es war einmal fast so weit, dass meine Frau und ich eine Mutter da hineingezogen hätten in diese Organisation mit ihren beklemmenden, sektenähnlichen Strukturen. Aber diese Mutter hat rechtzeitig die Reißleine gezogen, ich bin unendlich froh deswegen.

Was ich merkwürdig, nein, widersinnig finde, ist, dass Sie als Zeugen Jehova missionieren müssen, aber gleichzeitig heißt es in der Lehre der Jehovas, dass nur 144 000 „Gesalbte“ in das 1000 jährige Königsreich kommen dürfen – da wird es ziemlich eng an der Königspforte!

Ja, aber Sie sehen das nicht ganz richtig, doch ich fürchte, als Außenstehender kann man das nicht richtig verstehen, es ist zu bizarr. Bis 1934 kamen alle Zeugen Jehovas, das war die offizielle Doktrin, in den Himmel. 144 000 hatten dabei einen besonderen Platz im Königreich. Aber dann haben sie gemerkt: „Oh, wir wachsen ziemlich schnell, und bald wollen mehr als 144 000 Menschen einen besonderen Platz im Himmel für sich beanspruchen!“ Das geht aber nicht. Und deswegen haben sie 1935 einfach ihre Lehre verändert. Jetzt heißt es, die Plätze sind belegt, der Rest bleibt auf der Erde. Und diese 144 000 werden mit Jesus Christus tausend Jahre über die Erde und all die gläubigen Menschen regieren, die Harmagedon überleben.

Harmagedon.

Das ist die, wie es bei den bei den Zeugen Jehovas heißt, „die endzeitliche Entscheidungsschlacht, in der Gott durch seinen Sohn Jesus Christus in der Gestallt des Erzengels Michael zusammen mit dem Engelheer das Weltsystem Satans beseitigen und durch das tausendjährige Friedensreich“ ersetzt.

Sie haben das geglaubt?

Ja, über 20 Jahre lang.

Sie haben auch geglaubt, dass dieses jeden Moment passieren könnte.

Ja. Und heute staune ich darüber, dass ich das alles und noch viel mehr geglaubt, nachgeplappert, nur konsumiert, nie hinterfragt habe, was uns vorgesagt wurde.

Es gibt acht Millionen Zeugen Jehovas weltweit, also acht Millionen Menschen werden diese Schlacht überleben. Aber der Rest der Menschheit, also acht Milliarden Menschen, die vom Satan besessen sind gehen drauf?

Die gehen alle drauf. So knallhart muss man es sagen.

Ihr Gott ist brutal. Ihr Jesus ein Massenmörder.

So sehe ich das jetzt auch. Aber ein Zeuge Jehovas würde das nie so formulieren, er würde sagen: „Die Menschen haben ja die Möglichkeit noch rechtzeitig zu Gott zu finden!“

Als Zeuge Jehova lebt man in der ständigen Angst, nichts ins Paradies zu kommen.

So nimmt man es aber nicht wahr. Aber natürlich war diese Angst immer im Hintergrund vorhanden, dass man eben nicht gut genug für dieses Paradies ist. Und ich hatte schon auch Angst davor, in Harmagedon umzukommen. Andererseits freut man sich ja auf diese Entscheidungsschlacht, das wird einem auch ständig in den Kopf getrieben, dass Gott endlich eingreift. Dieser Gedanke war immer da.

Was ist das für ein Lebensgefühl?

Sie haben nun fast eine Minute geschwiegen.

Ich versuche mich in mein damaliges Denken zurückzuversetzen. Ich bin ja erst seit ein paar Monaten weg von den Zeugen. Aber ich ringe noch immer damit zu verstehen, wie ich zum Sklaven dieser Ideologie wurde. Es ist mir heute so fremd. Einerseits lebt man als Zeuge Jehovas ein ganz normales Leben, man plant Urlaube, man unternimmt etwas mit Freunden – und doch, jeden Tag denkt man, bald kommt Harmagedon.

Also der Himmel kracht auf einen herab.

Schon als Kind hat man in unseren Publikationen in eindringlichen Bildern gesehen, was da geschieht: Es regnet Feuer vom Himmel. Meteoriten schießen runter, ganz kleine Meteoriten, die die Häuser zertrümmern und zum Einsturz bringen, die Erde reißt auf und am Himmel sieht man dann wie Jesus mit seinen 144 000 Gesalbten kommt und jeden Ungläubigen tötet.

Harmagedon
So stellen Zeugen Jehovas Harmagedon in ihren Publikationen dar.

Wir sind gerade in einem Konferenzraum auf Ihrer Arbeitsstelle kurz nach Dienstschluss, und durch die Scheiben sehe ich Ihre Kollegen, die nach Hause gehen. Die meisten von ihnen würden bei Harmagedon umkommen.

Genau so ist es. Und das war etwas, mit dem ich immer Probleme hatte. Es sind ja alles ganz liebe Menschen, sie haben Werte, sie haben Kinder. Aber als Zeuge Jehovas verdrängt man diese Gefühle, man sagt sich: Sie haben, wenn sie denn wollen, die Chance ebenfalls Zeugen Jehovas zu werden, und letztendlich schaut Gott in ihr Herz und er entscheidet dann, ob jemand gerettet wird.

Irre.

Total.

Sie sind ja Suchmaschinenexperte, surfen viel im Internet – überall musste für Sie da das Böse lauern, der Satan, Sex, Porno, Freizügigkeit.

Klar, aber als Zeuge Jehova ist man so konditioniert …

Sie meinen: gehirngewaschen?

Sagen wir so: mental so gesteuert und so erzogen von klein an, ich meine, ich kam mit sieben Jahren über meine Mutter in diese Organisation, dass man der Organisation brav folgt. Im Fall des Internets heißt das, dass man all die anstößigen Dinge sofort wegklickt, natürlich alles Nackte. Besonders anstößig sind aber die „Abtrünnigen“, die die Lehren der Zeugen Jehovas angreifen. Ich bin jetzt so ein Abtrünniger.

Sie haben jahrzehntelang in einer Parallelwelt gelebt.

Ja. Und ich würde jetzt gern jenen, die dieser Welt noch verhaftet sind, zurufen: „Ey, lasst sie hinter euch! Das ist alles Quatsch!“

Hat Sie dieser Quatsch zu einem Sonderling unter Ihren Kollegen gemacht?

Das glaube ich nicht. Es war nur so, dass ich in Vielem anders war. Ich habe keine Weihnachtsfeier mitgemacht, ich habe Ostern nicht gefeiert, weil es Feste heidnischen Ursprungs sind. Und wenn jemand Geburtstag hatte, habe ich ihm nicht gratuliert, Einladungen zu Geburtstagsfesten habe ich abgelehnt.

Warum?

Jesus sagte ja, dass der Weg zum ewigen Leben sehr schmal ist und nur für wenige reserviert ist, und der Rest geht drauf. Daher solle man sich nicht überhöhen, man solle sich nicht selber feiern mit Geburtstagen – sie seien „nicht Gott-gewollt“.

Puh, und wie war das in der Schule, als Kind?

Sehr unangenehm, man lebt ja immer in Konfrontation zu den Gleichaltrigen. Ich hab das dann versucht zu kompensieren, indem ich einen auf Klassenclown machte.

Sie haben zwei Kinder, die in den Kindergarten gehen. Haben Sie denen auch diese Zwänge auferlegt?

Ja, wir haben das auch so gehandhabt, leider. Wenn es ums Ostereier bemalen geht, haben wir gesagt, bemalt Steine. Wenn eine Weihnachtsfeier im Kindergarten war, haben wir unsere Söhne an dem Tag nicht in den Kindergarten gelassen.

Ich habe einen Zeugen Jehovas getroffen, der sein Kind zu den Jehovas gebracht hat. Sein Sohn ist nun 16, ein fest gläubiger Zeuge, der Vater selbst ist seit vier Jahren ein „Abtrünniger“. Seit dieser Zeit laboriert er an seinem Zeugen-Dasein, und ihn plagt ein fürchterlich schlechtes Gewissen: Er habe das Leben seines Sohnes „verpfuscht, ihm die Kindheit zerstört, ihn in ein schreckliches Korsett voller Zwänge, Befehle gesteckt, ihm Filme, Musik, Bücher verboten“.

Dieses Gefühl kenne ich.

Und das Schlimmste für diesen Vater: Sein Sohn verweigert, wie es die Zeugen Jehovas von ihm erwarten, jeden Kontakt mit seinem ungläubigen Vater! Ihn mache das fertig.

Ich habe jetzt viele Menschen kennengelernt, die genau diese Geschichte haben. Dass die Kinder wegen ihrer Eltern drin sind in der Organisation und jetzt jeden Kontakt mit ihren abtrünnigen Eltern meiden. Deswegen bin ich unendlich froh, dass wir den Absprung zum richtigen Zeitpunkt gefunden haben.

Wie lange standen Sie, wie es in der Sprache der Jehovas heißt, „fest in der Wahrheit“?

Bis zu meinem 31. Lebensjahr. Ich habe sogar auch noch in der Zeit daran geglaubt, als ich mal für zwei Jahre ausgeschlossen worden war, weil ich meine Frau kennengelernt habe.

Das war eine Sünde, weil sie keine Zeugin Jehova war?

Man soll keinen engen Kontakt mit Ungläubigen haben. Ausgeschlossen wurde ich, weil ich dann mit ihr zusammengelebt habe.

Sie hätten diesen Ausschluss doch als Befreiung genießen können.

Ich war damals noch nicht so weit. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Die Zeugen Jehovas begründen alles mit der Bibel, man darf Gott nicht enttäuschen, und ich dachte sie haben recht. Es war eine Dilemma für mich: Da ist die Frau meines Lebens, da ist der Glaube, den ich nicht verlieren möchte. Mir war klar, dass es nun hart, ja existenziell für mich würde! Ich kannte die Regeln, ich hatte schon zuvor zweimal gegen sie verstoßen, „gefehlt“ und musste vor internen Gerichten erscheinen, von denen ich dann zwei „Zurechtweisungen“ erhielt.

Was heißt denn das?

Ich hatte etwas Falsches getan, eine Sünde begangen, vorehelichen Sex. Mich hat mein Gewissen so geplagt, dass ich das gegenüber einem Gemeindemitglied gestand. Und ich musste dann vor ein Rechtskomitee, das von drei Männern gebildet wird, den „Ältesten“. Die waren nicht streng zu mir, in der Bibel steht ja auch: Sie reiben dich ein mit Öl. Man kriegt Fragen gestellt, ob es ein Ausrutscher war, ob es über einen längeren Zeitraum ging, man erzählt, was passiert ist, sagt, dass man es bereut. Es ist einfach nur peinlich.

Dass man sich als erwachsener Mensch solch einem Tribunal unterwirft – unfassbar.

Ja, es ging um unser Lebensglück. Aber es war brutal. Ich liebte meine Frau, konnte ohne sie nicht leben. Aber ich war innerlich noch ein tief gläubiger Zeuge Jehovas. Ich wurde ausgeschlossen, ich wollte das aber nicht. Eine psychologische Terrorsituation auf mehreren Ebenen. Als Ausgeschlossener werden zu dir alle Kontakte abgebrochen. Niemand kennt dich mehr. Deine eigene Mutter redet nicht mehr mit dir. Von einem Tag auf den anderen ist dein bisheriges soziales Umfeld weg. Die soziale Isolation ist allumfassend. Für mich war diese Situation besonders unerträglich: Ich glaubte ja weiterhin an die Lehren der Wachtturm-Gesellschaft, also den Zeugen Jehovas.

Sie waren in einem Gefängnis ohne Mauern, die Gefängnisstäbe waren Psychoterror.

Ja.

Was hat Sie damals gerettet? Haben Sie Ihre Frau missioniert?

Ja und nein. Meine Frau war damals in einer schwierigen Phase, ich will darüber nicht sprechen. Jedenfalls hat sie bei mir all diese Bücher der Wachtturm-Gesellschaft gefunden. Als ich mal nach Hause kam, hat sie geweint, sagte: Sie fühle sich davon angesprochen, wie in diesen Publikationen über die Liebe Gottes geredet wird. Diese Lektüre war für sie in jenem Moment genau das Richtige. Ein Halt. Es ist ja oft so, dass Menschen, die einen Schicksalsschlag erlebt haben, zu den Zeugen Jehovas kommen. Meine Frau ging damals dann zu einer Zeugin Jehovas aus meiner Gemeinde, mit ihr hat sie dann studiert, und so kam sie zur Taufe. 2005 haben wir geheiratet und ein Jahr später wurde ich wieder als Zeuge aufgenommen.

Für den Münchner Sektenbeauftragten Dieter Roman sind die Zeugen Jehovas eine besonders schlimme Sekte. Zwar würden alle religiösen Kulte Ausstiegsphobien schüren, sagt er, aber die Jehovas seien die Einzigen, die „die vollkommene soziale Isolation“, sogar „die Trennung von Eltern und Verwandten programmatisch“ durchsetzen.

Diese Trennung macht Vielen so große Angst, dass sie sich nicht trauen, aus dieser Organisation auszutreten. Als meine Frau und ich dazu bereit waren, habe ich gesagt, das wird psychisch furchtbar schwer. Wir haben eine Gemeinschaft verloren. Ich habe meine Freunde verloren. Für meine Frau gibt es diesen Satz nicht mehr: „Meine beste Freundin“. Für mich gibt es nicht mehr diesen Satz: „Mein bester Freund“. Meine Mutter redet mit uns nicht mehr. Sie besucht nicht mehr ihre Enkelkinder. Es ist so traurig.

Wann krochen die ersten Zweifel an den Zeugen Jehovas in Ihre Seele?

Das war ein schleichender Prozess, 2008 las ich im Internet erstmals kritische Berichte über die Wachtturm-Gesellschaft. Die erschütterten meinen Glauben – aber nicht wirklich. Denn damals war ich noch ein Gefangener – die „Firewall“, die Brandschutzmauer, die durch die Indoktrination seit meiner Kindheit um mich aufgebaut worden war, hielt perfekt. Jede Kritik am Glauben, so sind wir erzogen worden, kommt vom Satan dem Teufel und ist deshalb zu ignorieren Dann aber wurde ich Vater, 2011 und 2013 bekamen wir Kinder.

Und das veränderte Ihren Blick auf die Zeugen Jehovas.

Erwachet 22. Mai 1994
Erwachet! vom 22. Mai 1994: „Jugendliche, die Gott den Vorrang geben“.
Auf dem Cover sind 26 Kinder abgebildet. Bekannt ist, dass die drei Kinder im Vordergrund ihr Leben verloren haben, da sie eine Bluttransfusion verweigerten.
In der Zeitschrift wird jeweils ihre Geschichte erzählt. Ob dies bei den anderen Kindern, die im Hintergrund abgebildet sind, ebenso der Fall war, ist nicht bekannt.

Das machte mich nachdenklicher und kritischer, etwa in dieser Sache: Die Zeugen Jehovas lehnen
Bluttransfusionen ab. In der Ausgabe vom 22. Mai 1994 sah man auf dem Titel von Erwachet! die Bilder von Jugendlichen, und in der Geschichte wurden drei Kinder ausführlich dargestellt, die sich der Bluttransfusion verweigert hatten und gestorben sind. Sie gaben „Gott den Vorrang“ hieß es. Unmenschlich. Ich würde meinen Kindern nie eine Transfusion vorenthalten! Ich dachte: Dann bin ich halt ein Sünder, dann überlebe ich Harmagedon nicht. Aber mein Kind kann ja nichts dafür, dass ich ein Zeuge Jehovas bin!

Gibt es einen konkreten Tag, an dem dieser Schutzwall zusammenbrach?

Ja, eine Frau in einer Facebook-Gruppe von Zeugen Jehovas, machte sich Sorgen, ob ihre Hunde und Katzen Harmagedon überleben würden. So ein Unfug, dachte ich, über was macht die sich Sorgen? Aber sie hatte wohl eine enge Beziehung zu ihren Tieren. Das wurde in den Kommentaren heftig diskutiert. Viele beruhigten sich dann mit der Geschichte über die Arche Noah: „Gott hat die Tiere damals gerettet“. Danach aber kam aber die Frage auf: „Wie viele Kinder nahm Gott in Arche?“ Das hat mich zum Nachdenken gebracht.

Im 1. Buch Mose gibt es darauf eine Antwort.

Richtig, schon Jahre vor der Sintflut stand ja fest, dass nur Noah, seine Frau, seine drei Söhne sowie deren Frauen überleben würden. Also mussten zu der Zeit viele Kinder gelebt haben, die kläglich ertrunken sind, Wasser dringt in ihre Lungen, sie kämpfen verzweifelt. So stellte ich mir das vor, und das ließ mich nicht mehr los. Ich habe nach einer Antwort gesucht und fand eine Wachtturm-Ausgabe von 2005. In der es hieß, dass die umgekommenen Kinder nicht mehr auferstehen werden.

Sintflut Arche Noah
Bild aus Mein Buch mit biblischen Geschichten.
Herausgegeben von Zeugen Jehovas (speziell für Kinder) – WTG.

Ein grausamer Gedanke für Sie.

Ein sehr grausamer. Die Zeugen Jehovas reden sich das schön und sagen: „Jehova hat in das Herz der Kinder geschaut. Er sah, dass sie schlecht waren in ihrem Herzen und später schlechte Menschen würden.“ Ich sah meine Kinder an, und ich merkte, wie in mir die Zweifel am Glauben wuchsen.

Haben Sie mit Ihrer Frau darüber geredet?

Am Anfang nicht, ich konnte es nicht. Ich wusste, dass meine Zweifel und Gedanken unsere Familie zerbrechen könnten. Ich litt, wurde missmutiger, verschlossener. Ich habe schlecht geschlafen, saß oft da und habe nur in die Leere geguckt. Mir wurde oft sehr warm, weil ich dachte, ich muss diesen Schritt jetzt unbedingt machen – um meine Kinder zu retten. Bei uns wurde vor dem Essen immer gebetet, ich konnte es nicht mehr. Ich konnte meine Kinder nicht mehr länger im Glauben erziehen und mit ihnen, wie es verlangt wird, die Bibel studieren. Irgendwann schüttelte meine Frau mich und fragte: „Was ist mit dir los!“. Nach und nach habe ich ihr alles gesagt. Sie war geschockt, abweisend, sie sagte: „Diesen Weg kann ich nicht mit dir gehen!“

Uff.

Ja! Ich wollte meine Kinder aus dieser, wie ich nun fand, sektenähnlichen Organisation rausholen, aber mir war klar: Wenn meine Frau diesen Weg nicht mitgeht, wird es nicht klappen!

Aber irgendwann sagte Ihre Frau, Oliver, du hast Recht!

Es hat Tage gedauert, immer wieder haben wir versucht, über alles zu reden. Uns beiden war ja klar: Wir stehen an einer Weggabelung. Jetzt kann alles zerbrechen. Irgendwann merkte ich, dass meine Frau selbst auf Suche gegangen ist, sie hat angefangen im Internet zu recherchieren. Und dann, plötzlich, konnten wir offen miteinander reden.

Sie sagen: Sie ist auf Suche gegangen, was meinen Sie damit?

Man sucht als Zweifelnder im Internet nach Aussagen von ehemaligen Zeugen Jehovas. Das Internet ist die größte Gefahr für die Wachtturm-Gesellschaft, und das wissen sie auch. Es gab mal einen Artikel, da hieß es: „Sei keine Internet-Eva“.

Internet-Eva?

Damit wollten sie sagen, dass das Internet so verhängnisvoll ist, also vom Satan, wie Evas Abbrechen der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis. Man soll im Internet ja nicht Verbotenes von „Abtrünnigen“ anschauen. Aber genau das haben wir nun getan. Danach konnten wir nicht mehr zurück. Die Aussagen von Abtrünnigen sind deshalb so wirksam, weil sie sich auf die Druckerzeugnisse der Wachtturm-Gesellschaft beziehen. Und dann entdeckt man die vielen Widersprüche dieser Organisation, etwa wie oft sie den Untergang der Welt vorausgesagt haben: 1914, 1925, 1975. Jetzt sind sie klüger geworden, sie sagen keinen exakten Untergangstag mehr voraus, und, noch klüger, sie fangen bei der Wachtturm-Gesellschaft jetzt an, alles zu verbannen, was vor dem Jahr 2000 geschrieben wurde. Sie entsorgen ihre eigene, widersprüchliche Geschichte, um die Zukunft zu kontrollieren.

Sie sind jetzt ein Abtrünniger. In Ihrem Internetblog …

Es war ein großer Schritt für mich, meine Erfahrungen mit den Zeugen Jehovas in die Öffentlichkeit zu bringen, denn ich habe damit auch allen gesagt: Ich komme nicht mehr
zurück!

In diesem Blog haben Sie fast wie in einer Doktorarbeit Materialien zusammengestellt, die die Wachtturmgesellschaft als geradezu Menschen verachtende Organisation erscheinen lässt: die Kindeschänder schützt. Der Titel Ihrer Arbeit sind ein paar kryptische Zahlen: 1800.1006.579.0.

Das sind die Zahlen, die in Australien die Aufarbeitungskommission vom Missbrauchsopfern in den Datenbanken der Zeugen Jehovas gefunden hat. Als ich ihren Bericht gelesen hatte, wurde mir klar: Diese Organisation ist nicht von Gott. Da waren 1800 Opfer, 1006 mutmaßliche Täter, 579 von diesen 1006 haben in internen Gerichten der Zeugen Jehovas ihre Untat gestanden, aber 0 Fälle wurden an die Justiz oder die Polizei weitergegeben.

Und Sie denken: So wird es in Deutschland wohl auch sein.

Ich kann mir vorstellen, dass es hier noch schlimmer ist als in Australien. Denn es gibt einen gravierenden Unterschied: In weiten Teilen Australiens ist man gesetzlich verpflichtet, Missbrauchsfälle den Behörden zu melden, hier in Deutschland aber nicht unbedingt. In Australien gibt es 68 000 Zeuge Jehovas, hier 165 000. In Australien, das zitiere ich auch in meinem Blog, sagte der Untersuchungsrichter, er kenne keine andere Religion, die solche Mängel im Umgang mit Kindesmissbrauch hat wie die Zeugen Jehovas. Denn die seien von der Überzeugung geleitet, dass es Gottes Namen beschmutzen würde, wenn man sich in Missbrauchsfällen an die Behörden wendet. Nach meinem Internetauftritt bekam ich Zuschriften von Missbrauchten hier in Deutschland, denen auch abgeraten wurde, zur Polizei zu gehen. Ganz schlimme, erschütternde Dinge.

Bis vor Kurzem hielt ich die Zeugen Jehovas für ziemlich skuril, leicht verschroben, etwas verklemmt, letztendlich aber harmlos.

Es sind liebe Menschen in der Organisation. Aber die Organisation selbst, die von sieben Männern in New York gesteuert wird, die kaum einer persönlich kennt, ist – so sehe ich das heute – totalitär im Anspruch, sie versucht ihre Mitglieder körperlich, geistig, moralisch, seelisch zu besitzen und zu kontrollieren.

Wie gefährlich die Zeugen Jehovas sind, wurde mir klar, als ich dieses interne Geheimbuch für die „Ältesten“, also die Führungskräfte der Zeugen Jehovas, „Hütet die Herde“ bekommen …

Das die normalen Mitglieder leider nicht kennen!

… und es gelesen habe. Es ist nicht bloß ein Buch voller Regeln, Befehlen, und wie man die Mitglieder beobachten, beherrschen, bespitzeln soll, es geht verblüffend oft um Sex.

Erst gestern habe ich darin gelesen und musste schmunzeln. Da sind Texte drin, das sind die reinsten Erotikromane. Aber auch in den Versammlungen ist Sexualität ein großes Thema. Und selbst wenn unsere kleinen Söhne da sind, wird von Anal- und Oralverkehr gesprochen und dass man Homosexualität nicht ausleben darf. In diesem Geheimbuch geht es auch um Kindesmissbrauch, und wie damit umzugehen ist. Man solle „die Angelegenheit Jehova überlassen“, heißt es da. Im Klartext: Der Täter wird geschützt. Und er wird noch mehr geschützt, weil dem Opfer nur dann geglaubt wird, wenn außer ihm ein weiterer Zeuge den Missbrauch bestätigt. Missbrauch, Kontaktabbruch, Bluttransfusion – es ist für mich unbegreiflich, dass diese Organisation den steuererleichternden Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts bekommen hat!

Ich nehme an, den Tag Ihres Austritts werden Sie nie vergessen.

Nein. Denn es war ein Tag der Riesenbefreiung. Am 27. März dieses Jahres beschlossen meine Frau und ich, auszutreten. Der Weg zur letzten Versammlung war emotional sehr schwer. Bevor die Versammlung begann, sagte ich dem „Aufseher der Ältesten“, dass ich von sämtlichen Ämtern und „Vorrechten“ zurücktreten werde. Bei dieser letzten Versammlung saßen meine Frau und ich in einer der hinteren Reihen. Einige Tage danach verabschiedeten wir uns von unseren Freunden – nicht persönlich, sondern mit Text- oder Sprachnachrichten. In der darauffolgenden Versammlung, wir waren nicht mehr dabei, wurde unser Austritt bekanntgegeben. Kurz danach beobachtete ich, wie ein Freund nach dem anderen uns bei Whatsapp blockierte. Die soziale Isolation begann. Ich weiß nicht, ob meine Mutter jemals ihre Enkel nochmals umarmen wird.

Sie haben Jahre lang Tag für Tag in dieser Gemeinschaft verbracht. Ich fürchte, Sie müssen nun ein neues Leben lernen.

Den Glauben an Gott habe ich verloren, der ist weg. Ich bin nun frei: raus aus dem Hamsterrad von Versammlungen, Missionieren, Bibelstudium, dem ständigen Beachten von Regeln und Vorschriften. Es ist für mich ein völlig neues Leben. Ich merke nun aber mit großer Freude: Die Welt, vor der wir immer gewarnt wurden, ist so schlecht nicht. Es ist eine wunderbare Welt, voller Farben, nicht so schwarz-weiß wie bisher. Meine Frau blüht auf und wir sind glücklich, unsere Kinder sind aufgeweckter, entspannter, viel offener auch uns gegenüber. Wir alle müssen nun gemeinsam ein paar Dinge lernen: Etwa wie man Ostern feiert, Weihnachten, Geburtstage. Neulich hat meine Frau etwas Schönes zu mir gesagt. Ich sei aufmerksamer ihr gegenüber als früher.

Und das hat etwas mit Ihrem Austritt zu tun?

Bei den Zeugen Jehovas ist es verboten, sich scheiden zu lassen. Man ruht sich ein wenig aus in so einer, sagen wir göttlich abgesicherten Beziehung. Jetzt ist es unsere Liebe, nicht die Regeln dieser Organisation, die uns zusammenhält. Das ist ein schöner Gedanke.

Reaktionen

Nach der Veröffentlichung im Stern erhielt ich sehr viele Zuschriften, die ausschließlich positiv waren. In den Emails durfte ich sehr viel Zuspruch erfahren. Viele haben Ähnliches durch gemacht und haben mir ihre persönlichen Erfahrungen geschildert. Überraschenderweise haben sich auch zwei Zeugen Jehovas aus meinem ehemaligen Umfeld bei mir gemeldet, die uns auch Zuhause besucht haben. Ich hatte das Gefühl, dass es für sie sehr befreiend war, einfach mal offen reden zu können. Denn innerhalb der Gemeinschaft ist es sehr schwer seine Bedenken und Zweifel offen zu äußern ohne das es Konsequenzen nach sich zieht.

Über das Interview selbst habe ich auf meiner Facebook-Seite berichtet und interessanterweise haben sich auch Zeugen Jehovas (allerdings anonym) gemeldet. Sie haben sich leider zu stark auf die Überschrift fokussiert, anstatt auf den Inhalt selbst einzugehen.

Der Stern hat das Interview nach der Online-Veröffentlichung auf Facebook geteilt. Viele ehemalige und einige aktive Zeugen Jehovas, aber auch Außenstehende, haben sich zu Wort gemeldet. Es ergaben sich sehr interessante Diskussionen. Einige, die selbst bei den Zeugen Jehovas groß geworden sind, konnten die Kritik nicht nachvollziehen. Bis sich dann herausstellte, dass sie selbst nie getaufte Zeugen Jehovas waren.

Es war eine sehr interessante Erfahrung, mitzuerleben, wie solch ein Interview von statten geht und produziert wird. Die Reaktionen danach haben mich persönlich sehr gefreut. Für mich war es eine spannende Erfahrung, und ich bin froh, dass ich die Gelegenheit wahrgenommen habe.

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. Heinz-Jürgen Hömke sagt:

    Schöne. offene Geschichte, ehrlich dokumentiert und auch alle betreffenden Sorgen und Ängste ansprechend, die Zeugen Jehovas betreffen.
    Und doch ist mein Glaube als Zeuge jetzt nicht erschüttert. Danke für die Offenheit im Interview. Was ich nicht verstanden habe, daß man
    den Glauben an einen lebendigen Gott total verlieren kann. Ich hinterfrage vieles, was mir als sicher manifestierte Glaubensansichten
    vorgeplappert wird und gehe damit auch kritisch um, auch stelle ich vieles in Frage, was meiner Ansicht nach unbiblisch ist.
    Habe nur wirklich noch nichts Besseres gefunden und suche auch keine verzweifelte Befreiung davon.
    Aber trotzdem Danke für die Offenheit.

    Antworten
  2. Oliver Wolschke sagt:

    Lieber Herr Hömke,

    ich freue mich sehr über Ihren Kommentar. Die Zweifel an einen Gott kamen auf, bevor ich bei den Zeugen Jehovas ausgetreten bin. Das führte aber noch nicht dazu, dass ich den Glauben komplett ablegte. Das war ein Prozess, der auch immer noch andauert. Heute bin ich weiter als zu der Zeit, als ich das Interview gab. Für mich ist das Thema Sintflut ein sehr entscheidender Knackpunkt, vor allem weil Jesus, gemäß der Bibel, dieses Ereignis als real betrachtete. Das es diese nicht gab, davon bin ich überzeugt (https://www.oliverwolschke.de/die-biblische-sintflut-mythos-oder-wirklichkeit/).
    Demnach ist die Bibel für mich persönlich ein Buch, dessen Geschichten über jahrelange Überlieferungen entstand. Das baut aber nicht nur allein auf der Sintflut auf. Ich habe mich im Nachgang sehr mit der Evolution beschäftigt und zudem auch für mich ganz persönlich die Frage beantwortet, ob ein liebender Gott tatsächlich für seine eigene Rechtfertigung den, oftmals qualvollen, Tod von Menschen – auch Kindern – in Kauf nehmen würde. Meine persönliche Antwort: Nein.

    Ich finde es sehr gut, dass sie nicht alles, was man ihnen vorgibt annehmen und kritisch hinterfragen. Mich würde daher sehr Ihre Meinung zur Berechnung des Jahres 607 v. u. Z. interessieren (https://www.oliverwolschke.de/607-v-u-z-das-fundament-der-zeugen-jehovas-hinterfragt/). Das Jahr hat für Zeugen Jehovas enorme Bedeutung und ist essentiell für die Berechnungen des Jahres 1914. Ihre Meinung gerne als Kommentar im entsprechenden Artikel.

    Ihren Glauben möchte ich nicht nehmen. Dafür sind Sie selbst verantwortlich 🙂 Aber an einem regen und respektvollen Austausch bin ich sehr interessiert. Das ist, wie Sie wissen, nicht so einfach.

    Herzliche Grüße
    Oliver

    Antworten
  3. Michael Henry sagt:

    Sehr geehrter Herr Wolschke, ich lese Ihre Geschichte mit großem Interesse. Für die Zeugen habe ich mich schon immer interessiert, weil sie als erste mit der Bibel an mich herangetreten sind. Das hat mir imponiert. Auch ihren Einsatz für die Botschaft der Bibel fand ich gut und vorbildlich. Ich mußte im Laufe der Zeit feststellen, dass viele Lehren der Zeugen nicht biblisch gedeckt sind. Beispielsweise die Berechnungen der Wiederkunft und auch die des Jahres 607 v.u.Z.,ganz besonders die über Jesus Christus. Auch bei den Bluttransfusionen hat man das mehrmals geändert. Insgesamt fand ich auch heraus, dass die Übersetzung der Zeugen Jehova Bibel ( Neue Welt Übersetzung) von der Wachturmgesellschaft den Lehren der Gesellschaft angepasst worden ist. Das ist an mehren Stellen ganz deutlich, wenn es um die Person von Jesus Christus geht.
    Meinen Glauben an die Bibel habe ich mir jedoch bewahrt und bin traurig darüber, dass durch die falsche Darstellung der biblischen Glaubenspunkte ( ich nenne das jetzt mal so) eine Entfremdung der Menschen von Gott und Jesus Christus geschieht.
    Ich glaube, dass Er für mich gestorben und mein göttlicher Erlöser ist. Ich kann trotz der Glaubenspunkte, die ich anerkenne und mich zu halten bemühe, ein fröhlicher Christ sein. Ich will keine Angst haben, denn die Liebe treibt ja die Furcht aus.
    Was die Evolution oder die Sintflut betrifft, kann ich ihnen auch nicht zustimmen, weil es gute Belege dafür gibt, dass die Evolution wirklich nur eine Theorie ist, selbst von Wissenschaftlern festgestellt, die diese Theorie kritisch hinterfragt haben.
    Bitte, werfen Sie und Ihre Familie den Glauben an Gott nicht weg, sondern suchen Sie weiter, nehmen Sie die Versprechen Gottes (so wie sie in der Bibel stehen,eine gute Übersetzung ist die Schlachter 2000), uns bei der Suche zu helfen, ernst und „stehen Sie damit bei Ihm auf der Matte“ bis Sie Frieden darüber haben. Meine Empfehlung, suchen Sie solange weiter, bis Ihre Fragen beantwortet sind und sie Klarheit haben, aber geben Sie den Glauben nicht auf! In herzlicher Verbundenheit, Gottes Segen für Sie und Ihre Familie

    Antworten
  4. Helmuth Bechter sagt:

    Sehr geehrter Herr Wolschke,
    ich lese gerade mit grossem Interesse Ihr Buch „Jehovas Gefängnis“. Ich war 30 Jahre lang Zeuge Jehovas, habe vor 17 Jahren die
    Gemeinschaft verlassen aus persönlichen Gründen die mehr emotionaler Natur waren: Meine Ehe war am Ende und ich wollte ohne
    Partnerin nicht leben. Kurze Zeit später habe ich tatsächlich eine Frau kennengelernt. Ich habe unzählige Bücher von Aussteigern
    gelesen (auch in der Zeit, als ich noch Zeuge Jehovas war), von Günther Pape angefangen über Josy Doyon, Raimond Franz, Konja Simon
    Rohde und viele andere. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass die Zeugen Jehovas auf der richtigen Seite stehen, wenn es darum geht,
    weltweit den Kriegsdienst abzulehnen und diese „leidige Vaterländerei“ wie es Albert Einstein formuliert hat. Dass von menschlicher
    Seite keine Lösung der Weltprobleme in Sicht ist, auch darin bin ich mit den Z.J. einig. Und die absolute Ablehnung des Todes. Das sind
    für mich die wesentliche Dinge, für die ich auch keine Bibel brauche. So hab ich immer gedacht, obwohl ich nie religiös erzogen wurde.
    Mit 18 Jahren habe ich ein Ausgeschlossenes Paar kennengelernt, das völlig überzeugt war. Das was ich bis jetzt in Ihrem Buch gelesen habe, glaube ich aufs Wort. Vieles ist wirklich Quatsch, was in der Organisation läuft. Alles selbst erlebt ! Trotzdem bin ich von den großen
    weltanschaulichen Dingen überzeugt. Darüber komme ich nicht hinweg. Das waren einige wenige Gedanken, die ich dazu äußern wollte.
    Es würde mich freuen, wenn Sie Lust hätten, mir zu antworten. Herzliche Grüße – Helmuth Bechter

    Antworten
    1. Oliver Wolschke sagt:

      Lieber Herr Bechter,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Was den Kriegsdienst betrifft, stehen Zeugen Jehovas nicht alleine dar. Auch andere Organisationen lehnen den Dienst an der Waffe ab. Seit 2011 gibt es in Deutschland keine Wehrpflicht mehr, was auch immer mehr Menschen wahrnehmen [1]. Kriegerische Handlungen zwischen Ländern gehen immer mehr zurück, genauso wie Todesopfer durch Kriege [2]. Das keine Lösungen von Seiten der Menschheit in Sicht ist, scheint eher der subjektiven Wahrnehmung geschuldet zu sein. Unsere Welt wird immer besser, zum einen durch Aufklärung aber auch durch die wissenschaftliche Arbeitsweise. Dazu empfehle ich Ihnen folgenden Artikel: https://www.oliverwolschke.de/zeugen-jehovas-und-die-letzten-tage/
      Ebenfalls hilfreich könnte hier die Webseite „Our World in Data“ sein: https://ourworldindata.org/

      Auch interessant dürfte für Sie das Stichwort „Technologische Singularität“ sein. Das zeigt, dass Russell, tatsächlich noch am ehesten die korrekten Ansichten über unsere Zukunft hatte, dass nämlich der technische Fortschritt zu weltweiten Verbesserungen führen wird.

      Herzliche Grüße,
      Oli

      [1] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/immer-mehr-verweigern-dienst-an-der-waffe,64u3cchm68u30chn6ruk4chp6gwkc
      [2] https://ourworldindata.org/war-and-peace

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  5. Anonymous sagt:

    „Unsere Welt wird immer besser“
    Sie leben im falschen Land, bitte alle Fakten berücksichtigen.
    Mit dieser Aussage disqualifizieren sie sich selbst.

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    1. Oliver Wolschke sagt:

      Ich habe zu meiner Aussage Quellen gennant. Sie dürfen gerne dagegen argumentieren, aber dann bitte ebenfalls mit Quellen belegen, sonst ist es schwer Ihrer Aussage Gewicht beizumessen.

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  6. Elke Winckler sagt:

    Lieber Oliver Wolschke,
    Danke für den Mut ein so ehrliches Interview zu geben.
    Danke für diese Website und für diesen Blog.
    Auch ich habe eine ZJ Vergangenheit und bin seid ca.40 Jahren ausgeschlossen.
    Es war eine befreiende und grausame Zeit. Befreiend weil ich froh war nichts mehr mit denen
    zu tun haben zu müssen und endlich ein anderes mir fremdes Leben führen zu können.
    Auf ein Leben jenseits dieser ORG. war ich ja nicht vorbereitet. Damals war ich natürlich naiv ohne Ende.
    Ich wünschte mir so sehr Menschen mit denen ich meinen Schmerz hätte teilen können.
    Aber das gab es in den 70ern nicht. So lebte ich mein Leben und traf viele so freundliche Menschen in der „bösen Welt“ und alles war anders, als das was man mir beigebracht hatte. Da wußte ich spätestens, dass ich richtig liege. Auch ich wollte von Gott nichts mehr wissen. Nach all den Jahren hat sich das gelegt und ich habe IHN den großen Geliebten in meinem Herzen gefunden.
    Aber sehr viele Jahre lebte ich stets mit der Angst von Harmagedon im Nacken. Das war das Grausame damals. Dazu kam die Scham Gott veraten zu haben und diese Einsamkeit von allen Menschen, die vorher wichtig waren
    abgeschritten worden zu sein. Man durfte sich ja „draußen“ keinen Freundeskreis aufbauen.
    Mittlerweile haben, die Verwandten, die alle noch „drinn“sind mein Mitgefühl. Aber Kontakt gibt es kaum.
    Erstaunlicherweise haben meine Eltern so olala zu mir gestanden. Dieser Kontakt war nach dem Ausschluß nicht gut, aber dennoch bis heute niemals abgebrochen. Ich habe auch Unterstützung von meinen Eltern erfahren in manch anderen Lebenssituationen. Das weiß ich sehr zu schätzen. Denn ich bin mir nicht sicher, was es sie gekostet hat und noch kostet in der ORG. Falls Sie mir was dazu sagen können würde ich mich freuen. Mit meiner Mutter kann ich das Thema gewiss nicht ansprechen.
    Ich verspüre auch immermal den Wunsch für ein Aussteigertreffen. Vielleicht lässt sich sowas ja realisieren.
    Leider bin ich gesundheitlich nicht in der Lage so etwas zu organisieren.
    Mit einem tiefen Dank für die Gelegenheit mich hier äußern zu dürfen und in Kontakt zu treten mit anderen Aussteigern möchte ich diesen Komentar beenden. Ich freue mich über eine Antwort. Elke Winckler

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