Sind Jehovas Zeugen Kreationisten?

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Kreationismus bezeichnet die Auffassung, dass das Universum, das Leben und der Mensch durch einen unmittelbaren Eingriff eines Schöpfergottes in natürliche Vorgänge entstanden sind (Wikipedia).

Zeugen Jehovas nehmen vom Kreationismus Abstand und sehen die Thesen im Widerspruch zu ihren eigenen Ansichten. Auf ihrer Webseite heißt es daher:

Jehovas Zeugen glauben zwar, dass Gott alles erschaffen hat. Aber wir sind keine Vertreter des Kreationismus. Warum nicht? Weil einige kreationistische Ideen in Wirklichkeit im Widerspruch zur Bibel stehen. […] Auch wenn wir als Jehovas Zeugen an die Schöpfungsgeschichte der Bibel glauben, sind wir deswegen nicht wissenschaftsfeindlich. Wir sind überzeugt, dass sich biblische und präzise wissenschaftliche Aussagen nicht widersprechen.
jw.org

Hier findet Gedankenakrobatik statt. Nur weil Zeugen Jehovas einige Lehren der Großkirchen ablehnen, so betrachten sie sich doch als Christen. So muss das Ablehnen einzelner Punkte nicht dem ganzen Thema widersprechen.

Geht man tiefer in diese Materie, so gibt es nicht den „einen“ Kreationismus. Kurzzeitkreationismus, wissenschaftlicher Kreationismus, evolutionistischer Kreationismus und der Langzeitkreationismus haben unterschiedliche Thesen und Erklärungsmodelle der Schöpfung durch einen Gott.

Schaut man sich z.B. die Konkordanzhypothese näher an, dann tauchen Fragen auf.

Die Konkordanzhypothese […] besagt, dass die sechs Tage der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht vierundzwanzigstündige Tage darstellen, sondern sehr viel längere Zeiträume – wie Millionen von Jahren. Die Vertreter dieser Richtung berufen sich auf das Wort yôm in der hebräischen Bibel, welches nach ihrer Ansicht im Kontext der Genesis zur Bedeutung „Zeitalter“ gedehnt werden könne. Einige Vertreter sagen, dass die Gegenwart das siebte Alter darstelle, also den siebten Tag der Schöpfung. Gegen den Deutungsansatz der Konkordanzhypothese wird argumentiert, dass die Bedeutung des Wortes aus dem Kontext eindeutig hervorgehe, da das hebräische Wort yôm „Tag“ bedeute und mit der Formulierung „es wurde Abend und wieder Morgen“ nur ein Tag im gängigen Wortsinn gemeint sein könne (z. B. (Mt 25,29 ELB)).
Wikipedia

Man kann hier noch tiefer in Erklärungsmodelle, Thesen und Strömungen abtauchen, aber ich denke es ist erkennbar, dass Kreationismus ein weites Feld ist und auch Lehren vertritt, welche die Sicht der Zeugen Jehovas reflektiert.

Daher zurück zu dem Artikel auf jw.org:

1. Wie lange dauerten die sechs Schöpfungstage? Manche Kreationisten behaupten, dass die sechs Schöpfungstage buchstäblich 24-Stunden- Tage waren. In der Bibel kann das Wort „Tag“ jedoch eine sehr lange Zeitspanne umfassen (1. Mose 2:4; Psalm 90:4).
2. Wie alt ist die Erde? Einige Kreationisten erklären, dass die Erde nur ein paar Tausend Jahre alt ist. Nach der Bibel existierte das Universum, also auch die Erde, allerdings schon, bevor der erste Schöpfungstag begann (1. Mose 1:1). Deswegen haben Jehovas Zeugen nichts gegen stichhaltige wissenschaftliche Berechnungen einzuwenden, nach denen die Erde mehrere Milliarden Jahre alt sein könnte.

Punkt 1 und 2, die hier als Argument angeführt werden, sprechen korrekterweise von einigen Kreationisten. Bei Zeugen Jehovas handelt es sich um Kreationisten, die vermutlich in das Feld des Langzeitkreationismus zuzuordnen sind. Ein Abstreiten dieser Begrifflichkeit hat vermutlich Imagegründe.

Ist diese Wortklauberei übertrieben? Oder ist dies nur ein Versuch meinerseits einen Fehler in der Argumentation der Zeugen Jehovas ausfindig zu machen? Um dies zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass Zeugen Jehovas die Chronologie nur biblisch definieren und keinerlei wissenschaftliche Belege akzeptieren, welche dem Verständnis der wortnahen Auslegung widersprechen. Dazu basierend auf einem Beitrag von Reddit etwas Zahlenarbeit, welche ich später aufgreifen und zusammenführen werde:

Das Problem mit den Pyramiden

Im Einsichtenbuch heißt es zur Sintflut:

Die katastrophale Vernichtung von Mensch und Tier durch eine gewaltige Flut in den Tagen Noahs (2370 v. u. Z.) […] Es muß sich also eindeutig um eine weltweite Flut gehandelt haben, wie es weder vorher noch seither eine gegeben hat […] Schließlich war die Zeit „im sechshundersten Jahr des Lebens Noahs […]“ abgelaufen.
Einsichtenbuch Band 2, Seite 938ff. – Herausgegeben von Zeugen Jehovas)

Über Noah erfahren wir, dass er „2970 v.u.Z. geboren“ wurde (IT Band 2, S. 469). Und die Arche nahm, neben Noah und seiner Familie, alle Arten von Tieren auf.

Die Bezeichnung „Arten“ für die Tiere, die ausgewählt wurden, bezieht sich in diesem Fall auf Tier“arten“, deren Angehörige sich innerhalb der ihnen vom Schöpfer gesetzten eindeutigen und unveränderlichen Grenzen, „nach ihren Arten“, fortpflanzen können […] Daher sind einige Forscher der Meinung, daß nur 43 Säugetier“arten“, 74 Vogel“arten“ und 10 Reptilien“arten“ mit in die Arche genommen werden mußten, damit die verschiedenen heute bekannten Arten hervorgebracht werden konnten. Nach anderen, etwas großzügigeren Schätzungen hätten 72 „Arten“ von Vierfüßern und nicht ganz 200 Vogel“arten“ genügt.
Einsichtenbuch Band 1, Seite 184. – Herausgegeben von Zeugen Jehovas)

Durch die wortwörtliche Deutung der Bibel erhalten wir auch weitere, genaue Angaben über die Entstehung des Menschen und der Ereignisse dieser Zeit.

Laut dem Einsichtenbuch („Adam“) wurde Adam im Herbst 4026 v.u.Z. erschaffen. Seth wurde als 3. Sohn Adams im Jahre 3896 v.u.Z. geboren. Bei Abel lesen wir im Einsichtenbuch das Seth offenbar kurz nach Abels Tod geboren wurde und Adam damals 130 Jahre alt war, daher könnte Abel bei seinem Tod als Märtyrer ungefähr 100 Jahre alt gewesen sein (1Mo 4:25; 5:3). Rechnet man diese Zeiten grob zusammen – also die Geburt Seths 3896 v.u.Z. abzüglich dieser 100 Jahre kommt man in das Jahr 3996 v.u.Z., in dem Abel geboren wurde.

Schaut man weiter in 1. Mose 4:2, ist von „später“ und nicht sogleich die Rede. Abel war Zweitgeborener. Kain wurde erst nach der Verstoßung aus dem Paradies (siehe 1. Mose Kapitel 3), laut 1. Mose Kapitel 4:1, gezeugt.

Geht man von Abels Geburt im Jahre 3996 v.u.Z. aus, und rechnet die Zeugung sowie eine kurze Pause, so kommt man in das Jahr 3998 v.u.Z. als Zeugungsjahr Kains und damit auch als Jahr des Rauswurfs aus dem Paradies.

(Ich hoffe einige können noch folgen.)

Wenn man jetzt schaut, was zu dieser Zeit auf der Welt geschah, gerade zu den Ägyptern, welche (angeblich) später die Israeliten versklavten, so wurden in der 4. Dynastie des Alten Reiches verschiedene Pyramiden errichtet. Die Cheops-Pyramide (etwa 2620 v.Chr. bis 2580 v.Chr.) sowie auch die anderen Pyramiden des Gizehkomplexes. Diese Meisterwerke verordnet man in die Zeit 2620 v.Chr. bis 2500 v.Chr.

Die Pyramiden entstanden etwa von 2620 bis 2500 v. Chr. in der 4. Dynastie

Vergleicht man nun mal die Daten, so entstehen Konflikte. Die Pyramiden, beeindruckende Grabanlagen, welche verschlossen wurden, nachdem die Herrscher darin bestattet wurden, ereilte kurz nach ihrer Vollendung (Cheops-Pyramide 2580 v.Chr.), nach dem Verständnis der Zeugen Jehovas, eine weltweite Flut (2370 v.u.Z.). Hier hat man nun zwei Möglichkeiten: entweder man glaubt der Wissenschaft, welche keine Flutschäden in diesem Umfang erwähnt, oder formuliert einen Satz wie in dem anfänglichen Artikel:

Wir sind überzeugt, dass sich biblische und präzise wissenschaftliche Aussagen nicht widersprechen.

Also können die Aussagen zu den Pyramiden nicht „präzise wissenschaftlich“ sein, wenn diese angeblich vorher erbaut wurden und keine Flutschäden aufweisen. Auch stellt sich die Frage, wenn man die Zeitschiene so setzt, Noah als Retter aller Tiere darstellt und eine weltweite Flut geschah, wie schafften es das Faultier, der tasmanische Teufel und andere bis zur Arche zu kommen? Und vor allem wieder zurück zu ihrem Kontinent?

Würde man zum Beispiel die wortwörtliche Auslegung der Flut als weltweites Ereignis lockern, so könnte man Pangaea oder andere Erklärungsmodelle nutzen. Aber so kann es einfach nicht stimmen. Und selbst theologisch entstehen durch diese Jahreszahlen Fragen. Adam wurde 4026 v.Chr. erschaffen und wurde um das Jahr 3998 v.Chr. aus dem Paradies verbannt. In diesen 28 Jahren benannte er die Tiere, genoss seine Vollkommenheit, wünschte sich seine Frau und selbst die wenigen Jahre waren für Eva in Verbindung mit Gott nicht ausreichend Anreiz nicht von der Frucht zu essen. 28 Jahre, länger konnten die Menschen nicht in dem Paradies glücklich sein. Aber man wirft der Menschheit vor, nicht über sich herrschen zu können, obwohl es bisher über 6000 Jahre läuft? Und was ist das für ein Gott, welcher über 6000 Jahre dem menschlichen Elend zusieht, wegen einer Streitfrage die am Ende dieser 28 Jahre auftauchte?

Heutzutage wird von mehreren Millionen Tierarten ausgegangen. Folgt man der Auslegung der Zeugen Jehovas so entstanden aus den 117-272 Arten (lt. Einsichtenbuch) die in der Arche waren, in einem Zeitraum von wenigen tausenden Jahren Millionen von Arten. Vermutlich würden Evolutionsbiologen diesen Gedanken ablehnen. Zum Vergleich: die kambrische Explosion umfasst circa 5-10 Millionen Jahre und fand zum Beginn des Kambriums vor etwas 543 Millionen Jahren statt.


Es geht mir nicht um Häresie, es sind einfach Fragen, welche man sich stellen sollte, wenn man die Zeitkonstrukte der Zeugen Jehovas akzeptiert und die mehr als klar zeigen, dass Zeugen Jehovas Kreationisten sind, welche Argumentationen führen, die unlogisch sind aber der wortwörtlichen Auslegung dienen sollen.

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. Septime sagt:

    Hallo Oliver,
    Sebastians Bemerkung „Ein Abstreiten dieser Begrifflichkeit hat vermutlich Imagegründe“ halte ich für absolut zutreffend. Auf jw.org findet man z. B. den Versuch, das Etikett des Fundamentalismus abzuwehren, indem geschrieben wird, man nehme ja doch manche Bibelstelle nicht wörtlich sondern symbolisch, halte sich aus politischen Angelegenheiten heraus und dränge anderen nicht aggressiv die eigene Meinung auf. Damit kann man beweisen, dass man keinen politisch militanten Fundamentalismus vertritt – mehr und anderes nicht. Aber da das Wort von den „Fundis“ oder „fundamentalists“ umgangssprachlich keinen guten Klang hat und in den U.S.A. mit der Vorstellung von aggressiven Predigern für das Christentum als Fundament der (republikanischen) Politik in „God’s own Country“ verbunden ist, meint man offenbar, gewohnt verallgemeinernd und unbekümmert um jegliche Korrektheit zur eigenen Verteidigung bzw. Abgrenzung schreiten zu sollen. Von Seiten „weltlicher“ Agitatoren wäre so etwas natürlich zu verurteilen… aber man selber muss da wohl keine Skrupel haben ;-(
    Vielen Dank für die Website und die guten Beiträge :-))

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