Interview mit Marek aus Hamburg

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Marek habe ich auf der Online-Plattform Reddit kennengelernt. Reddit verfügt mit dem englisch– und deutschsprachigen Sub, über eine Community mit aktuell rund 24.000 Aussteigern, Aktivisten, Interessierten aber auch aktiven Zeugen Jehovas, die sich täglich über ihre Vergangenheit und aktuelle Entwicklungen austauschen. Marek ist einer von ihnen und hat sich für ein kurzes Interview bereit erklärt.

Was war der Grund deines Ausstiegs?

Ich bin mit 19 oder 20 ausgestiegen, das ist nun gut 10 Jahre her. Es war ein Mix aus „ich kann nicht an die Bibel / Lehren der Wachtturm-Gesellschaft glauben“, und Abneigung gegen den absoluten Gehorsam bei den Zeugen Jehovas. Mich hat es extrem gestört dass ich einfach nicht die Fragen stellen durfte die mich immer am meisten interessiert haben.

Hast du durch deinen Ausstieg Familie eingebüßt?

Jein. Mit meiner Mutter und meiner Schwester war es anfangs recht kompliziert. Inzwischen haben wir wieder ein gutes Verhältnis zueinander. Zum Glück ist ihr Herz dann doch größer als ihr Glaube.

Wie bist du zu den Zeugen Jehovas gekommen?

Hineingeboren, mich hat also keiner gefragt!

Wie hat sich deine Zugehörigkeit positiv/negativ auf dein Leben ausgewirkt?

Da ich die meiste Zeit meines Lebens als Zeuge Jehovas verbracht habe, würde ich behaupten, dass es mich doch zu einem großen Teil zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin – und ich mag mich. Ich kann die Vergangenheit ja nicht ändern, daher konzentriere ich mich eher auf das Hier und Jetzt.

Was hat sich seit deinem Ausstieg verändert? Wie sieht dein Leben heute aus?

Alles? Ich lebe mein Leben nach meiner Moral und meinen eigenen Zielen. Da fällt mir immer ein Zitat von K.I.Z ein: „Das Leben ist so schön – wer braucht ein Leben danach?“

Mein Glück war es, dass ich schon mit Ende 20 ausgetreten bin. So habe ich zumindest vieles nicht „verpasst“, wie es vielleicht andere taten, die später ausgestiegen sind. Eine Weile war es mir wichtig, zuerst alles mögliche nachzuhohlen, was mir vorher verboten war: Ich habe studiert, viele tolle Leute kennengelernt, war / bin viel und gerne feiern, habe dies und das ausprobiert, bin oft auch auf die Schnauze gefallen aber immer wieder aufgestanden. Ich engagiere mich gesellschaftlich und politisch, da ich es für wichtiger halte, Zustände jetzt zu ändern, als darauf zu warten, dass irgendein Gott das irgendwann vielleicht mal regelt. Zudem bin ich seit ein paar Jahren Vater und freue mich, dass mein Kind ganz ohne religiöse Dogma aufwachsen darf!

Wie siehst du die Zukunft der WTG und wie schätzt du diese Gemeinschaft an sich ein?

Schwierig. Ich halte die Zeugen Jehovas für eine Sekte. Ich halte sie aber bestimmt nicht für das größte Übel auf diesen Planeten – da haben wir noch ganz andere Probleme. Für mich sind Zeugen Jehovas, wie viele andere Religionsgemeinschaften, so eine Art Perpetuum mobile. Ich habe manchmal das Gefühl, dass selbst wenn die Führung der Zeugen Jehovas den Laden auflösen würde, es genug Menschen gibt, die es trotzdem für die „Wahrheit“ halten und irgendwie weitermachen würden.

Bist du noch gläubig? Warum/Warum nicht?

Ich sage persönlich ja immer: Man kann nicht ernsthaft an einen Gott glauben, nachdem man die Bibel gelesen hat. Ich glaube nicht an den Gott der Bibel. Sollte es ihn geben, möchte ich, nachdem ich seine „Biographie“ las, nichts mit ihm zu tun haben. Woran ich glaube ist die Menschheit! Das mag der vielleicht naivste Glaube überhaupt sein, aber ich fahre ganz gut damit.

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. Kurz Herbert sagt:

    Ist ein grosser Fehler, JESUS abzulehnen. Er wird nur Seine Schafe zu sich nehmen. Glaub an Jesus.

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    1. Jean sagt:

      Hallo Herbert,
      ich denke das ist jedem selbst überlassen 😉
      Fehler hin oder her, du bist nicht in der Position das für andere zu beurteilen.

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  2. Ralf sagt:

    Herbert Kurz, du kannst die Existenz von Jesus und Gott genauso wenig beweisen, wie die Nichtexistenz der Zahnfee! Hör auf anderen Fehler zu unterstellen. Danke

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  3. Marie sagt:

    Ich finde es ein bisschen schade, dass man das „Göttliche“ grundsätzlich verlässt, nur weil man schlechte Erlebnisse und falsche Informationen über Gott erfahren hat, weil man einer menschlichen Auslegung vertraute. Ich habe damals meinen Weg gefunden, indem ich endlich frei in Gottes Wort forschte und auf IHN alleine vertraute ohne irgendwelche Vorlagen und Vorgeplapper — und bin damit auf einen fantastischen Freigeist mit einer „bedingungslosen Liebe“ und unsagbarer Treue dem Menschen gegenüber gestossen.

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  4. Susanne sagt:

    Ich finde es schade, dass Oliver den Weg der Wahrheit verlassen hat. Er hat so viele Menschen damit enttäuscht, auch manche seiner Kollegen.

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    1. Oliver Wolschke sagt:

      Hi Susanne,

      vielen Dank für deinen ehrlichen Kommentar. Aus der Sicht eines Zeugen Jehovas kann ich diese Enttäuschung durchaus nachvollziehen. Ich selbst bin darin aufgewachsen und man hat mir seit meiner Kindheit beigebracht, dass es DIE „Wahrheit“ sein muss. Daher haben Kinder auch kaum eine andere Wahl als den gleichen Weg einzuschlagen. Interessant ist, dass von Außen nur sehr wenige Menschen in diese Religion finden, doch Kinder lassen sich bis auf einige Ausnahmen fast alle taufen. Dabei treffen sie dann eine Entscheidung als Unmündige, ohne die Auswirkungen wirklich zu begreifen. Wenn sie dann als Erwachsene für sich entscheiden, keine Zeugen mehr zu sein, dann werden sie dafür mit sozialer Isolation bestraft, die sogar die Familie betrifft. Genau diese Entscheidung habe ich aber für mich persönlich getroffen. Doch warum ist mein ehemaliges Umfeld enttäuscht von dieser Entscheidung? Weil sie genauso wie ich, Woche für Woche in der Überzeugung bestärkt werden, dass jede Entscheidung gegen die Leitende Körperschaft, eine einzige Enttäuschung ist. Ich treffe aber meine Entscheidungen nicht in Abhängigkeit davon, ob ich jemanden enttäuschen könnte, sondern ob ich der Meinung bin, dass sie richtig ist. Und wie du aus meiner Story erfährst, bin ich zu 100% davon überzeugt, dass es für mich und meine Familie eine der besten Entscheidungen meines Lebens war.

      Ich finde interessant, dass du schreibst ich hätte meine Kollegen enttäuscht. Meine Kollegen freuen sich über meine Entscheidung. Vielleicht meinst du einen ehemaligen Kollegen und Freund, der ebenfalls ein Zeuge Jehovas ist. In diesem Fall mag das stimmen. Wie es scheint kennen wir uns. Kannst du mir sagen woher?

      LG Oli

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    2. Andreas Sommer sagt:

      Hallo Oliver,
      Ich habe gestern mit grossem Interesse deine spannende Lebensgeschichte und ausführlich recherchierten Fakten bzgl der ZJ gelesen. Meine Hochachtung !!
      Auch ich bin ein EX- ZJ und seit 2005 ausgeschlossen .
      Ich würde wahnsinnig gern Kontakt aufnehmen über meine private Email Anschrift.
      Wäre super von dir zu hören. Dann könnten wir uns per Email austauschen.
      Viele Grüße aus HH.
      Andreas

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    3. Oliver Wolschke sagt:

      Hi Andreas,

      danke für deine Nachricht. Schau mal ins Impressum dieser Seite, dort findest du meine Email. Du kannst gerne darüber Kontakt aufnehmen.

      VG Oli

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    4. Bernd sagt:

      Salute Susanne,

      Du sprichst Oliver ab vernüftig gehandelt zu haben, da er nach Deiner Auffassung die „Wahrheit“ verlassen habe. Soweit, so gut.
      Doch was verstehst Du unter „Wahrheit“? Die Wahrheit der Zeugen Jehovas, die sich dreht wie das berühmte Fähnchen im Wind?
      Lass mich Dir ein Beispiel aufzeigen: In der Studienausgabe Eurer hoch angesehen, weltweit gelesenen Zeitschrift,“ Der Wachtturm“ erschien im Juli 2013 ein Artikel über Euren/Deinen „treuen und verständigen Sklaven. Ich gehe davon aus, dass er Dir geläufig ist und Du mir nicht unterstellst hier Unwahrheiten, also das Gegenteil von Wahrheit, zu verbreiten.

      „Sag uns: Wann werden diese Dinge geschehen?“

      Auszugsweise: Abschnitt 18: Daraus ergibt sich der vernünftige Schluss: Auch Jesu Ankunft, bei der er den treuen Sklaven über seine gesamte Habe setzt, wie in Matthäus 24:46, 47 beschrieben, ist auf das künftige Kommen in der großen Drangsal zu beziehen. * Tatsächlich ergibt eine Gesamtbetrachtung der Prophezeiung Jesu, dass alle acht Verweise auf sein Kommen in Beziehung zu der künftigen Zeit des Gerichts in der großen Drangsal stehen.
      Quelle: https://www.jw.org/de/publikationen/zeitschriften/w20130715/jesus-prophezeiungen-letzte-tage/

      Bisher war doch angeblich der Sklave bereits über die Habe gesetzt-oder irre ich? Die Leitende Körperschaft sah sich doch bisher als Mittellungskanal Gottes?

      Wenn schon Eure Leitende Körperschaft ganz klar sagt, dass es sie als treuen und verständigen Sklaven bis jetzt überhaupt nicht gibt, da Jesus erst nach der Drangsal seinen Sklaven einsetzen wird, frage ich Dich-was sind das für Leute die Dir die „Wahrheit verkünden“?Und wenn Jesus doch erst in der Zukunft und NACH der Drangsal erscheint, wer hat sich denn 1914 auf den Himmlischen Thron gesetzt. Nach der Lehre der Du anhängst war dies Jesus Christus.Und wie oft soll den Jesus Christus erscheinen wenn er 1914 schon erschien, aber nach der Drangsal erst erscheinen soll? Was ist nun Wahrheit und was Lüge? Ist es nicht eher so, dass Oliver mit seiner Familie der Lüge der Zeugen Jehovas entflohen ist, um nun endlich in der Wahrheit zu leben?Ich tue dies schon seit Jahrzehnten und bin heute noch erstaunt wie biegsam ihr, also auch Du als Zeugin Jehovas, mit Eurer Wahrheit umgeht.Allerdings bist Du in bester Gesellschaft.

      In der Studienausgabe oben zitierte Zeitschrift Februar 2017 unter der Überschrift „Wer führt Gottes Volk heute?“
      findet der erstaunte Leser folgende Aussage:

      „WER IST IN WIRKLICHKEIT DER TREUE UND VERSTÄNDIGE SKLAVE?“

      12. Welche Fragen stellen sich, da die leitende Körperschaft weder von Gott inspiriert noch unfehlbar ist?

      12 Die leitende Körperschaft ist weder von Gott inspiriert noch unfehlbar. Aus diesem Grund kann sie sich in Lehrfragen oder in organisatorischen Anweisungen irren.

      Wie oft darf sich die Leitende Körperschaft, die ja nach ihrer eigenen Aussage nicht existent ist, denn irren?

      Ich bin schon jetzt gespannt auf Deinen Kommentar.

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    5. Daniel sagt:

      Liebe Susanne,
      ich finde es immer wieder interessant, dass aktive Zeugen sich auf Seiten mit „abtrünnigem Gedankengut“ aufhalten. Offensichtlich lauern im Unterbewusstsein doch noch Zweifel am Gesamtkonzept der Organisation. Und durch das Verwenden der Kommentarfunktion…naja, offensichtlicher geht es kaum.

      Wünsche dir dennoch…. frohe…ach ne….hm…was kann man noch wünschen…. ahhhh…helleres Licht.

      Liebe Grüße,
      die überlappende Generation

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    6. Andreas sagt:

      Hallo liebe Susanne,

      Du sprichst Oliver mit deinem Kommentar ein riesengroßes Lob aus! „Er hat so viele Menschen damit enttäuscht“.

      Begründung:
      Wenn jemand ent-täuscht wurde, bedeutet das, dass diese Person zuvor ge-täuscht wurde. Bei einer ent-Täuschung wird die Täuschung beseitigt. Man muss sich eingestehen, dass man getäuscht oder betrogen wurde. Und das tut weh!
      Und warum tut eine ent-Täuschung weh? Hier rebelliert das Ego. Wer will denn schon zugeben, so leichtgläubig gewesen zu sein, ge-täuscht zu werden? Die Täuschung abzulegen und sich einen Fehler einzugestehen ist eine Handlungsweise, die von großer persönlicher Stärke zeugt. Und unser aller Täuschung hat ungeheure Ausmaße angenommen.

      Wenn man diese Stärke nicht aufbringt, mag das für denjenigen völlig in Ordnung sein. Für viele Menschen ist es ausreichend, wenn sie gesagt bekommen, was sie tun und lassen sollen. Das ist einfach und man übernimmt vermeintlich keine Verantwortung. Einfach deswgen, weil man nicht selber nachdenken und prüfen braucht. Dass das allerdings eine unchristliche Herangehensweise ist, lässt sich mehrfach biblisch belegen. Jesus warnte vor falschen Propheten und Christussen. Desweiteren gibt es im gesamten NT immer wieder die Aufforderung zu prüfen. Nutze die Watchtower Library. Da kannst du recht einfach viele biblische Aufforderungen diesbezüglich finden. Wenn man nicht prüft und vorsichtig ist, öffnet man der Manipulation und Täuschung Tür und Tor.

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  5. Noah Joel sagt:

    Enttäuschung entsteht oft wenn jemand etwas nicht tut was man von ihn erwartet. Die Zeugen Jehovas sind fest davon überzeugt, dass sie die “ Wahrheit “ kennen, das habe ich früher auch getan. Wenn jemand die ORG verlässt, sind die traurig darüber, was ich irgendwo auch verstehen kann, denn man denkt dass die Person sich gegen Gott entschieden hat und sterben wird. Auch ich war damals traurig deswegen. Doch die Weisheit besteht darin zu erkennen, dass jeder das Recht hat selbst zu entscheiden, was für ihn das richtige ist, auch wenn man selbst es für falsch hält. Zu erkennen, dass jeder frei ist. Erst dann wird man über Entscheidungen von anderen – die einen anderen Weg gehen als man selbst – erst dann wird man über sowas nicht enttäuscht sein. Letztendlich ist Oliver jetzt nicht zum Massenmörder geworden oder so, er hat sich nur für ein anderes Leben entschieden, da ist nichts schlimmes oder enttäuschendes dran. Leben und leben lassen. Meine beste Freundin will nichts mehr mit mir zu tun haben, da ich mich gegen den Glauben entschied. Es tut zwar weh aber ich bin nicht enttäuscht, denn sie ist glücklich als Zeugin und nur das zählt. Ich bin dagegen glücklich ohne Religion. Jeder definiert Glück anders.

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  6. Micha sagt:

    Hallo Susanne,
    mich wundert es immer, das es bei euch Zeugen Jehovas heißt, man wird von Gott „gezogen“. Nur wenn Jehova Gott daran interessiert ist, jemanden zu ziehen, ist auch dieser in der Lage, Wahrheit zu erkennen. Jetzt frage ich dich aber, warum predigt ihr? Ihr sagt immer, jeder dürfte in eure Wahrheit kommen. Aber da beißt sich die ganze Geschichte. Wenn Gott nicht zieht, nützt euer predigen nichts! Auch heißt es immer, dass jeder die Gelegenheit bekommen soll, in die „Wahrheit“ zu kommen. Bekommt er aber nicht, wenn Gott jemanden zieht, oder eben nicht! Ihr seht, mit Toleranz würdet ihr euren Leben besser gestalten, denn ihr seid intern auch nicht ohne Widersprüche!!

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    1. Oliver Wolschke sagt:

      Hi Micha,

      das sind auch meine Gedanken. Hatte dazu mal einen Artikel geschrieben: Warum nicht jeder ein Zeuge Jehovas werden kann.

      LG Oli

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  7. Walter sagt:

    Endlich mal die Gelegenheit am schopfe packen. Ich finde die Interviews recht informativ und menschlich.
    Macht weiter so. Ich freue mich schon auf den nächsten Blogeintrag von euch.

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