Die UN und die Wachtturm-Gesellschaft – eine spannende Geschichte

© Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania

Die Tageszeitung The Guardian veröffentlichte am 08. Oktober 2001 einen Artikel mit dem Titel „Jehovah’s Witnesses link to UN inquired“. In dem Artikel heißt es:

The United Nations is being asked to investigate why it has granted associate status to the Jehovah’s Witnesses, the fundamentalist US-based Christian sect, which regards it as the scarlet beast predicted in the Book of Revelation.
The Guardian

(Übersetzung: Die Vereinten Nationen wurden gebeten zu prüfen, warum den Zeugen Jehovas – als fundamentaler christlicher Sekte mit Sitz in den USA – der Verbindungsstatus gewährt wurde, obwohl diese die UN als das scharlachfarbene wilde Tier aus der Offenbarung bezeichnen.)

Die UN drückte in der Stellungnahme selbst ihre Verwunderung über diesen Status aus und ein Sprecher räumte ein, nichts über die Aussagen der WTG bezüglich der UN zu wissen:

The UN itself admitted yesterday that it was surprised that the sect, whose formal name is the Watchtower Bible and Tract Society of New York, had been accepted on its list of non-governmental organisations for the last 10 years.

A spokeswoman for the UN said: „I think we may not be aware of their attitude, which seems to be really strange.“

Weiter erläutert der Artikel, was die Voraussetzungen sind, um als NGO Mitglied der UN zu sein. Dazu gehört, das Arbeiten ohne Gewinn, das Teilen der selben Interessen und Ideale und das Teilen von Informationen über die UN.

To qualify, organisations must show that they share the ideals of the charter, operate on a non- profit basis, „demonstrate interest in UN issues and proven ability to reach large or specialised audiences“ and have the commitment and means to conduct effective information programmes about UN activities.

Liest man diese wenigen Zeilen, so muss man staunen. Was geschah danach? Am 09.10.2001 beendete die WTG ihre Mitgliedschaft als NGO bei der UN. Liest man die Aussagen in dem Artikel, so bekommt man das Gefühl, dass diese Beendigung nur dem Handeln der UN zuvorkam.

Doch was bedeutet es nun, eine NGO zu sein?

Eine Nichtregierungsorganisation (NRO bzw. aus dem Englischen Non-governmental organization, NGO) oder auch nichtstaatliche Organisation ist ein zivilgesellschaftlich zustande gekommener Interessenverband, der nicht durch ein öffentliches Mandat legitimiert ist.[1] Die Weltbank definiert NROs als private Organisationen, die durch ihre Aktivitäten versuchen, Leid zu mindern, die Interessen der Armen in der Öffentlichkeit zu vertreten, die Umwelt zu schützen, grundlegende soziale Dienste zu leisten oder Aktionen für Entwicklungsvorhaben zu initiieren. Diese Begriffsbestimmung wurde bewusst unscharf gewählt, da sich NROs aller denkbaren Aufgaben annehmen können.[2]
Der englische Begriff non-governmental organization wurde einst von den Vereinten Nationen (UNO) eingeführt, um Vertreter der Zivilgesellschaft, die sich an den politischen Prozessen der UNO beteiligen, von den staatlichen Vertretern abzugrenzen; non-governmental bedeutet dabei „nichtstaatlich“ im Sinne von „staatsunabhängig“, „regierungsunabhängig“. Heute wird der Begriff von und für nichtstaatliche Vereinigungen benutzt, die sich insbesondere sozial- und umweltpolitisch engagieren, und zwar unabhängig von einer Beziehung zur UNO.

Wikipedia (Markierung von mir)

Interessant hierbei ist, dass die UN bewusst die Bezeichnung NGO einführte, um Vertreter der Zivilgesellschaft, die sich an den politischen Prozessen der UNO beteiligen, von den staatlichen Vertretern abzugrenzen…“

An dieser Stelle zeigt sich eigentlich die Bedeutung der NGO und welche Stellung diese innerhalb der UN hat. Diese werden durch das Department of Puplic Information eingebunden, um ein positives Bild der UN und deren Leistung zu kommunizieren:

The NGO Relations and Liaison Service is within the Outreach Division in the United Nations Department of Public Information (DPI). It is mandated to link the Organization with non- governmental organizations (NGOs) that are associated with DPI and to support the department’s efforts to disseminate information on the work and role of the UN.
Quelle UN

… Es hat die Aufgabe die Verbindung zu den NGOs zu halten, und das Department zu unterstützen um Informationen über die Aufgaben und die Rolle der UN zu verbreiten.

Was man hier liest, ist eigentlich keine Besonderheit. Die UN unterhält Kontakte zu Nichtregierungsorganisationen (NGO), welche in verschiedenen Bereichen tätig sind um einerseits Input zu erhalten und andererseits auch weltweit über die eigenen Leistungen zu kommunizieren.

Der Antrag wurde im Jahr 1991 gestellt und von Lloyd Barry als Mitglied der leitenden Körperschaft sowie von Ciro Auclicino unterschrieben, welcher zu diesem Zeitpunkt in der Schreibabteilung arbeitete. Dies ist ein interessanter Fakt, welcher wenig mit dem Thema zu tun hat, jedoch zeigt, wie eng die Verbindung der Schreibabteilung zur leitenden Körperschaft ist. Während der NGO-Mitgliedschaft wurden immer wieder Änderungen und Anpassungen der Vertreter der WTG sowie der Themenfelder vorgenommen. (Siehe das jährliche Verzeichnis des DPI über NGOs.) Darin sieht man, dass die Mitgliedschaft weder unbekannt war, noch einfach vergessen wurde.

Die Website der Vereinten Nationen verwies auf dieses Erwachet! unter www.unhchr.ch/udhr/materials/articles.htm und dies gibt Grund zur Annahme, dass es sich um einen der Artikel handelte, den die Wachtturm-Gesellschaft im Rahmen seiner jährlichen Berichtspflicht an die Vereinten Nationen geschickt hatte. Obwohl diese UNHCHR-Seite nicht mehr existiert, ist seit dem 1. August 2013 eine archivierte Kopie unter web.archive.org zu sehen.

Ein Teil des Mitgliedsantrags als NGO besteht in der Beibringung von Veröffentlichungen der NGO. Welche Veröffentlichungen gab es in diesem Jahr? Das Erwachet! vom 08.09.1991 beschäftigt sich auf den ersten Seiten mit dem Thema: „Die Vereinten Nationen – ihr Streben nach Weltfrieden“. Darin heißt es auf Seite 10:

Jehovas Zeugen sind fest davon überzeugt, daß die Vereinten Nationen in allernächster Zukunft eine bedeutende Rolle bei den Weltereignissen spielen werden… Die UNO wird dann sehr erstaunliche Dinge tun, die wahrscheinlich viele verblüffen werden.
Erwachet!, 8. September 1991, S.10

Im Offenbarungsbuch – herausgegeben von Zeugen Jehovas – wird die UNO mit dem scharlachfarbenen Tier in Verbindung gesetzt.

Interessant ist hier der Doppelsprech, welcher verwendet wird. Der unbedarfte Leser sieht hierin eine positive Deutung der UN, wohingegen ein Zeuge vermutlich erahnen wird, was gemeint ist. Bei all diesen Aussagen fehlt natürlich etwas – eine Bibelstelle. Würde hier Offenbarung 17:3 ff erwähnt, so könnte dies als Veröffentlichung problematisch sein, denn wer will schon lesen, dass man mit einem wilden, scharlachfarbenen Tier gleichgesetzt wird. (Siehe z.B. Wachturm 01.02.1986 S. 4-7). Dieses Tier erhält die Macht durch den Drachen, Satan. (siehe z.B. Erwachet! 22.10.1985, S. 8-11) In all diesen Zeitschriften, findet man übrigens ausreichend Bibelstellen und Aussagen – vergleicht man dies mit dem erwähnten Artikel von 1991, so ist der Unterschied sehr deutlich.

Auch grotesk wird es, wenn man den Artikel vom 22. Oktober aus dem Erwachet! von 2000 auf Seite 31 betrachtet. Dabei dreht es sich um den Vatikan, welcher als NGO mit der UN verbunden ist, wobei der Vatikan den Rang eines ständigen Beobachters hat. Darin wird als Grund für die Vertreibung des Vatikans aus der Liste der NGOs gesagt:

Weil nach Meinung der NGOs der Vatikan eine religiöse Organisation ist und kein politisches Staatsgefüge.
Erwachet!, 22. Oktober 2000, S.31

Die Nachrichtenagentur IPS wird mit der folgenden Aussage zu diesem Thema zitiert:

Da die meisten Entscheidungen der UNO durch Mehrheitsbeschluss zustande kommen, haben abweichende Stimmen wie die des Vatikans Verhandlungen bezüglich Bevölkerungspolitik, Empfängnisverhütung, Rechte der Frauen und reproduktiver Gesundheit entgleisen lassen.

Dieses Zitat kann man in großen Teilen am Maßstab der WTG betrachten – einer Gruppierung die den sexuellen Kontakt selbst bei verheirateten Paaren reglementiert und Frauen in keiner Hinsicht gleichberechtigt.

Der eigene Anspruch

Heute wird jedoch die Neutralität und die Lauterkeit der echten Bibelchristen auf die Probe gestellt. Wir leben in der Zeit der größten internationalen Verschwörung der ganzen Menschheitsgeschichte, in der Zeit der Vereinten Nationen, die heute 152 Mitgliedsstaaten zählen. Warum kann man von den UN als einer internationalen Verschwörung sprechen? Weil sie eine von Menschen geschaffenen Organisation sind, die der rechtmäßigen Herrschaft des Königreiches Jehovas, die dem Christus übertragen wurde, so lange wie möglich entgegenwirkt.
Wachturm, 01. Februar 1980, S. 16ff, Abs. 15

Im Laufe der Zeit wich der Völkerbund den Vereinten Nationen. Jehovas Zeugen haben schon früh aufgedeckt, daß jene von Menschen geschaffenen Friedensorganisationen in Gottes Augen abscheulich sind.
Wachtturm, 01. Mai 1999, S. 15, Abs. 8

Ein zweihörniges wildes Tier (die anglo-amerikanische Weltmacht) tritt in Erscheinung, und es macht diesem politischen Monstrum ein „Bild“, das heute als die Vereinten Nationen bekannt ist. Viele werden gezwungen, das wilde Tier anzubeten und sein „Kennzeichen“ anzunehmen, indem sie Dinge auf seine Weise tun und ihr Leben von ihm beherrschen lassen. Jehovas Zeugen weisen dagegen unerschrocken das dämonische Kennzeichen des wilden Tieres zurück.
Wachtturm, 01. Mai 1991, S. 22, 23

Siehe z.B. auch den Wachtturm vom 01. Juni 1991, S. 17, Abs. 10, 11.

Liest man diese und weitere Aussagen in den Zeitschriften, so zum Beispiel auch die des Offenbarungsbuches, wird man die Sicht der WTG zur UN deutlich erkennen.

Interessant hierbei, dass die WTG den Völkerbund mit der UN als Nachfolger an diesem Punkt als das scharlachfarbene Tier sieht. Schaut man in ältere Veröffentlichungen, so zum Beispiel das Buch Licht, so wird dort das „Haager Weltgericht“ als dieses Tier bezeichnet, was 1899 ins Leben kam (Licht, Band 2, Seite 103) und durch den Völkerbund abgelöst wurde (Licht, Band 2, S. 91). Eine klassische Aktualisierung der Weltsicht, da Endzeiterwartungen unerfüllt blieben und der Völkerbund tot war, bevor das Ende kam. Jedoch zeigt es auch, dass das Feindbild gegenüber der UN und früheren Organisationen seit Beginn der Bibelforscher bestand.

Doch wie positionierte sich nun die WTG zu diesem Vorfall? Es gab einen kurzen Brief an die Ältestenschaften, dass die Registrierung notwendig war, um Zugang zu der Bibliothek der UN zu erhalten. Die UN hingegen antwortete auf Anfragen, dass die mit ihr verbundenen NGOs die Charta der UN akzeptieren und unterstützen müssen. Selbst im März 2004 bestand noch eine so hohe Anfragewelle an die UN, dass diese eine allgemeine Stellungnahme veröffentlichten. Auch auf der FAQ-Seite der UN war bis vor kurzem ein Beitrag dazu enthalten, der mittlerweile nicht mehr öffentlich ist.

Doch ist es logisch, für eine Bibliothek diesen Kompromiss einzugehen? Ist diese Bibliothek so besonders? Die Dag-Hammarskjöld-Bibliothek ist sicherlich eine interessante Bibliothek und zentraler Bestandteil der UN-Depotbibliotheken. Doch viele dieser Bibliotheken sind regulär zugänglich oder für Pressevertreter einsehbar. Nahm denn die Qualität der Artikel nach 2001 ab? Wusste man da nicht mehr, wo man nachschauen soll? Wo ist denn das Vertrauen auf Gott, wenn ich mir ein Buch ausleihen will?

Doch ist dies nun ein Skandal, da die WTG nur in eine x-beliebige Bibliothek wollte? Einerseits könnte man einwenden, dass Aktivisten hier etwas aufbauschen, was kein Problem ist. Doch wenn man an die Einstellung der WTG zur UN und die Bedeutung christlicher Neutralität denkt, so passt etwas nicht zusammen.

Könnte man in einem Rechtskomitee eine Chance haben, wenn man zu seiner Verteidigung äußert:

  • „Ja, ich war regelmäßig im Bordell, da der Kaffee dort schmeckte!“
  • „Ja, meine Freundin schläft regelmäßig bei mir, aber da läuft nichts. Es ist nur, weil meine Couch viel bequemer ist.“
  • „Ja, ich bin im Gemeinderat aktiv, da ich dadurch vielen Menschen predigen kann!“
  • „Ja, ich war im Wahlbüro, da es dort so schön warm war.“?

Legt man diesen Anspruch an, so bleibt wenig zu sagen. Und für ein Buch seine Maßstäbe über Bord zu werfen, ist mehr als unsinnig. In dieser Hinsicht ist auch das Schreiben sonderbar. Auf der einen Seite wird der Fehler eingestanden, auf der anderen ein Argument gebracht, was komplett ohne Sinn ist. Es ist jedoch eine moralische Bankrotterklärung, wenn ein Mitglied der leitenden Körperschaft ein solches Unterfangen mit seiner Unterschrift unterstützt, da er die geistige Belehrung aus den Zeitschriften ebenso besitzen müsste.

 

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. Hupsi sagt:

    Das ist für mich der letzte und heftigste Schlag der leitenden Körperschaft ins Gesicht gewesen. Warum? Gerade in dieser Zeit hab ich meine wenige Freizeit für ein Bibelstudium geopfert. Ich habe meine Familie gezielt geistig aktiv umgestaltet, natürlich durch diese aggressiv angelegte Gehirnwäsche mit dem schlussendlichen Weggang des Ehemanns, der das nicht aushalten konnte.

    In meiner Zeit als aktive Zeugin hätte ich jeeeeeden der Lüüüüge bezichtigt, der behauptet hätte, dass die Wachtturmgesellschaft in der UNO organisiert wäre.

    Wie entsetzt war ich, als ich begriffen habe, dass das tatsächlich neun Jahre lang ohne Wissen der Brüder und Schwestern so geschehen ist.

    Ein Faustschlag in mein Gesicht war das. Und ist es noch.

    Und danach weiß man, dass es nicht Gottes Volk und Wille ist.

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  2. Anne sagt:

    Ich persönlich finde es nicht so schlimm da ja auch in dem Artikel steht dass heute der Name NGO ohne Bezug zur Uno verwendet wird.

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    1. Sebastian sagt:

      Hallo Anne,
      sicherlich ist der Status einer NGO mittlerweile über die UN hinaus eine bekannt. Es ging in dem Artikel auch weniger um die Rechtsform, sondern um eine Verbindung der Zeugen mit der UN, im Interesse der UN. Wenn man bedenkt, dass selbst Arbeitsverträge mit Kirchen die zum Lebensunterhalt eines Zeugen beitragen, problematisch sind (siehe w99 15.04. S. 28-30), dann ist die Frage ob es moralisch vertretbar ist, wegen eines Buches in einer von ihnen verurteilten Organisation aktive Teilhabe zu betreiben.

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    2. Oliver Wolschke sagt:

      Die Bezeichnung NGO ist an sich ja auch kein Problem. Genauso wenig wie eine Verbindung zur UN. Ist man allerdings als Zeuge Jehovas aufgewachsen und hat vor allem die 1990er Jahre miterlebt, so hat diese Verbindung einen faden Beigeschmack. Für Zeugen Jehovas steht die Neutralität an oberster Stelle. Dies wird dadurch deutlich, dass man sämtliche politischen Ämter ablehnt, nicht wählen geht und sich auch nicht in politische Diskussionen einbringt. Geht man Wählen oder engagiert sich anderweitig politisch, wird man aus der Gemeinschaft gegangen.
      Weihnachten und Ostern feiert ein Zeuge nicht, weil diese Feste eine Verbindung zu heidnischen Bräuchen haben, auch wenn diese heute nicht mehr im Fokus stehen bzw. diese Bräuche ihren Ursprung vor mehreren tausend Jahren haben. Begeht man diese Bräuche, kann ebenfalls der Ausschluss erfolgen.
      Das die LK hier ein Abkommen als NGO mit der UN abgeschlossen hat, und damit die gleichen Werte wie die UN zu teilen hat und sich als Mitglied engagieren muss, während sie gleichzeitig die Vernichtung des wilden Tieres propagiert, ist schon etwas Besonderes. Zumal für den einfachen Zeugen, bei einer ähnlichen Verbindung der Mitgliedschaftsstatus aberkannt wird und die LK aka WTG einfach aus dem Abkommen ohne Konsequenzen (Rechtskomitee) austreten kann.

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