Denken Jehovas Zeugen, dass sie die Einzigen sind, die gerettet werden?

Wie Zeugen Jehovas Harmagedon in ihren Publikationen darstellen
© Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania

Viele stellen die Zeugen Jehovas als eine Endzeitgruppierung hin, welche ihren Mitgliedern eine Rettung in Aussicht stellt, die anderen versagt bleibt. Ist diese Darstellung vielleicht übertrieben? Schauen wir uns die Antwort der Wachtturm-Gesellschaft dazu an:

Nein. Was wäre sonst mit den vielen Millionen Menschen, die in den vergangenen Jahrhunderten gelebt haben und keine Zeugen Jehovas waren? Sie hätten ja keine Chance. Die Bibel spricht davon, dass Gott eine neue Welt versprochen hat und dass in dieser neuen Welt sowohl Gerechte als auch Ungerechte auferstehen werden.
jw.org

Bewusst gibt man eine Antwort auf eine Frage, welche gar nicht gestellt wurde. Eine Rettung betrifft lebende Menschen, keine Toten. Die Auferstehung beantwortet nicht die eigentliche Frage. Wer vor hunderten von Jahren kein Zeuge Jehovas war, hat also eine Hoffnung. Ein erster Hinweis, was entscheidend für eine Errettung ist: Die nicht vorhandene Möglichkeit, ein Zeuge Jehovas zu werden. Greift dies heutzutage bei einer Gemeinschaft welche behauptet in hunderten Sprachen zu predigen? Hat dadurch nicht eigentlich jeder die Möglichkeit ein Zeuge zu werden?

Weiter heißt es:

Außerdem: Wer weiß, wie viele sich in nächster Zeit vielleicht noch dafür entscheiden, sich auf Gottes Seite zu stellen. Auch sie wird Gott retten. Eins ist sicher: Es ist nicht unsere Sache, darüber zu urteilen, wer gerettet wird und wer nicht. Diese Aufgabe hat Gott einzig und allein Jesus übertragen.
jw.org

Was so nett formuliert wirkt, enthält in Wirklichkeit eine sehr deutliche Aussage: Alle die keine Zeugen Jehovas sind stehen nicht auf der Seite Gottes. Auf welcher Seite dann? Die Gegenseite Gottes ist der Teufel, somit finden wir hier die erste Unterstellung und einen Einblick in die Sicht der Führungsebene bezüglich Andersdenkender. Diese Aussage wird durch eine weitere Aussage etwas verschleiert: „Es ist nicht unsere Sache, darüber zu urteilen, wer gerettet wird und wer nicht.“ Gott richtet mit Jesus, aber die WTG sagt, dass man sich auf die Seite Gottes – also der WTG – stellen muss, um gerettet zu werden.

Schaut man in den Wachtturm von Dezember 2017 (Studienausgabe), im Artikel „Ihr jungen Leute, arbeitet auf ‚eure eigene Rettung‘ hin“, so heißt es gleich im ersten Absatz:

JEDES Jahr lassen sich Tausende Bibelschüler taufen. Viele von ihnen sind im Teenageralter oder jünger und sind vielleicht in der Wahrheit aufgewachsen. Bist du einer von ihnen? Falls ja, dann war das eine gute Entscheidung. Die Taufe ist für Christen ein Erfordernis, um gerettet zu werden.
Wachtturm (Studienausgabe), Dezember 2017, S. 23

Auch der Absatz 19, der den Artikel abschließt, führt aus:

Möchte jemand ein Nachfolger Christi werden, muss er sich Jehova hingeben und taufen lassen. Dadurch eröffnen sich schon heute unzählige Segnungen und später ewiges Leben in Gottes neuer Welt. Ihr jungen Leute habt also wirklich allen Grund, weiter auf eure Rettung hinzuarbeiten!
Wachtturm (Studienausgabe), Dezember 2017, S. 23

Hier sieht man wieder sehr deutlich, wie die Aussagen für die Öffentlichkeit abgeschwächt werden. Nach Ansicht der WTG ist die Errettung unmittelbar an eine Mitgliedschaft gebunden. Leider ist diese Aussage schwer zu vermitteln.

Jedoch sollte sich jeder Zeuge Jehovas bewusst machen, was er eigentlich tut, wenn er im Haus-zu-Haus-Dienst ist. Bringt er wirklich eine „frohe Botschaft“? Nach jedem Gespräch hat der Wohnungsinhaber die Möglichkeit, zu „entscheiden, sich auf Gottes Seite zu stellen.“ Nimmt er diese Möglichkeit nicht an, dann entgeht ihm oder ihr die Chance auf „die Taufe“, „ein Erfordernis, um gerettet zu werden.“

Eigentlich wird Tod und Vernichtung gegenüber jedem Wohnungsinhaber gepredigt, der Zeugen Jehovas ablehnt. Jede schlechte Einleitung, jeder ungünstige Moment den man erwischt, entscheidet über Leben und Tod.

Verkündigen wir deshalb, solange noch Zeit ist, Gottes Warnungsbotschaft, die sein Mitleid verrät.
Sei mitfühlend wie Jehova

Zeugen bringen daher keine frohe oder gute Botschaft, sie stellen den Wohnungsinhaber vor eine sehr harte Wahl. Als ich mich löste, dauerte es eine Weile, mir dies einzugestehen. Ich brachte den Menschen weniger Hoffnung als ich immer annahm. Ich stellte sie vor eine Entscheidung: Mitgliedschaft oder Vernichtung – die vielen bunten und schönen Bilder in den Zeitschriften waren eine frohe Botschaft, jedoch nur für mich, da ich getauft und als Zeuge Jehovas aktiv war.

Doch selbst als Anhänger ist bei dieser Botschaft noch nicht Schluss. Eng verwoben mit dieser Gerichtsbotschaft ist auch eine andere Aussage:

Als treue Diener Jehovas sind wir bereits seine Freunde und haben die Aussicht auf ewiges Leben. Wir kennen auch unsere Verantwortung, „den Bösen vor seinem bösen Weg zu warnen“, damit er am Leben bleibt. Natürlich predigen wir nicht nur, um uns vor Blutschuld zu bewahren. Wir tun es, weil wir Jehova und unseren Nächsten lieben.
Siehst du den „Unsichtbaren“?

Die angeführte Bibelstelle dazu, muss man sehr sorgfältig lesen:

„Wenn ich zu einem Bösen spreche: ‚Du wirst ganz bestimmt sterben‚, und du warnst ihn tatsächlich nicht und redest nicht, um den Bösen vor seinem bösen Weg zu warnen, um ihn am Leben zu erhalten, so wird er, da er böse ist, in seiner Vergehung sterben, aber sein Blut werde ich von deiner eigenen Hand zurückfordern. Was aber dich betrifft, falls du einen Bösen gewarnt hast und er tatsächlich nicht umkehrt von seiner Bosheit und von seinem bösen Weg, so wird er selbst wegen seiner Vergehung sterben; doch was dich betrifft, du wirst deine eigene Seele befreit haben.“
Hesekiel 3,18-19

Der Wohnungsinhaber ist laut Deutung der WTG der Böse, welcher sterben wird. Der Zeuge lädt jedoch Blutschuld auf sich, wenn er nicht oder nicht gut genug predigt. Diese suggestive Aussage hat es in sich, und als Zeuge ist dieser Gedanke absolut vertraut. Ich lade Blutschuld auf mich, wenn ich nicht genug predige.

Laut dem Einsichtenbuch (herausgegeben von Zeugen Jehovas) bedeutet dies:

Das hebräische Wort für „Blut“ (dam; Plural: damím) bezieht sich manchmal auf die Schuld, die jemand durch das Vergießen unschuldigen Blutes auf sich lädt, und wird deshalb mit „Blutschuld“ wiedergegeben (2 Mo 22:2, Fn.; 1 Kö 2:37, Fn.). „Hände, die unschuldiges Blut vergießen“, gehören in Jehovas Augen zu den verabscheuungswürdigsten Dingen, und das, seitdem das Blut des gerechten Abel vom Boden her zu Gott schrie.“
Einsichtenbuch, Band 1, „Blutschult“

Die WTG macht also jeden Zeugen der nicht oder nicht ausreichend predigt zu einem Mörder, der unschuldiges Blut vergießt. Die gute Botschaft ist für den Zeugen also schon deswegen gut, weil eine fiktive Schuld verhindert wird. Hier ist klar die Manipulation erkennbar. Doch wie realistisch ist dies?

Ich war in einigen Hilfenotgebieten tätig. Diese wurden zum Teil mehrere Jahre nicht bearbeitet. Menschen die die Botschaft nicht kannten, also nach Logik der Zeugen hoffen konnten gerettet zu werden, wurden angesprochen. Eigentlich lehnten alle ab. Die nächste Möglichkeit, diese Botschaft anzunehmen, gibt es für diese Menschen erst in einigen Jahren. Da das Ende laut den Zeugen nah bis sehr nah ist, greifbar usw., könnte dieser eine Moment über das Leben des Wohnungsinhabers entschieden haben. Hätte ich dann nicht eher Blutschuld auf mich geladen, WEIL ich gepredigt habe?

Egal wie. Diese Thematik zeigt, dass Zeugen glauben, dass nur getaufte Zeugen Jehovas gerettet werden und auch nur dann, wenn sie ausreichend leisten und genug predigen.

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. Marcel sagt:

    Gefällt mir sehr gut. Genau so sehe ich das auch. Der ständige Widerspruch in den Aussagen, dass ja nicht nur Zeugen gerettet würde, um nicht angreifbar zu sein und liberal zu wirken und dann die harte Realität dass keiner außerhalb der Herde gerettet werden kann und das zuvorkommen gegenüber Gott und Jesus indem man Menschen für ihr handeln richtet und ihnen ihre Rettung entzieht.
    Das hast du schön zusammen gefasst. Es ist tatsächlich keine gute Botschaft. Zumindest nicht die Botschaft der Liebe die Jesus predigte. Seine Worte tuen so gut wenn man sie so liest wie er es sagte.
    Mit ein wenig Abstand empfinde ich auch die Liebe unter Zeugen, welche ihr stärkstes Erkennungsmerkmal sein soll, im großen und ganzen als nicht ehrlich. Es fühlt sich erzwungen an. Vereinzelte Personen ausgenommen. Und wenn das verstanden wird, dann versteht man wer wirklich ein Nachfolger Christi ist. Diese Erkenntnis tut mir richtig gut und spornt mich an nach diesen von Herzen liebenden Menschen zu suchen.

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    1. Sebastian sagt:

      Hallo Marcel,
      Danke. Ich denke dass das Arbeitspensum welches Zeugen stemmen müssen, sie meist davon abhält, wahre Freundschaften zu schließen. Zumal viele Freundschaften auch erzwungen sind. Der Freundeskreis wird durch den Glauben vorgegeben, nicht durch gemeinsame Interessen. Sobald sich daher der Glaubensbezug löst, haben viele Freundschaften keine Basis mehr, dies ist ja auch so durch die WTG gefordert.

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  2. Walter sagt:

    Sehr gut geschrieben. Werde es auf meiner Seite WaltersVideoblog auf fb veröffentlichen.

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  3. Manfred sagt:

    Hallo Oliver, Sebastian
    habt ihr einen Hinweis, in welchem Buch bzw. WT das obige Bild zu finden ist? Wäre nett

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    1. Sebastian sagt:

      Das Bild findet man unter anderem in dem Buch „Lerne vom großen Lehrer“

      https://www.jw.org/de/publikationen/buecher/lerne-vom-grossen-lehrer-jesus/wird-es-wieder-sintflut-geben/

      Inwieweit man dies als kindgerecht betrachtet, muss jeder selbst entscheiden.

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  4. Karolina sagt:

    Hallo Herr Wolschke,
    Ich bin auf ihre website ganz zufällig getroffen. Das was Sie hier geschrieben haben, hat mich wirklich sehr geschockt indem Sinne was kindesmissbrauch betrifft. Ich bin selber ein kind von Zeugen jehovas ..früher bin ich immer davor weggelaufen und vor 2 jahren habe ich meinen mann kennen gelernt. Ich hatte oft streit mit ihm und mir wurde oft von zeugen jehovas (auch meiner mutter) gesagt das satan da einfluss hat das wir streiten. Ich wurde schwanger und von da an fing ich an die bibel zu studieren. Ich änderte komplett mein Leben innerhalb von 3 monaten wollte ich eine ungetaufte verkündigerin werden .. durfte da aber von den ältesten aus noch nicht werden. Ich war enttäuscht und hab deswegen geweint ..habe an mir fehler gesucht. Nach 5 monaten wurde ich endlich in der gemeinde als ungetaufte verkündigerin verkündet. Danach wollte ich mich im Herbst 2017 taufen lassen (im sommer 2017 wurd unser sohn joel geboren ) es kamen jeweils 2 älteste zu mir /uns nach hause um mir zu sagen das ich nicht bereit gewesen bin um mich taufen zu lassen.. ich war enttäudcht..wütend und müde .. hinzu kam das sie meine jüngste schwester ausschließen. Und mir ein schlechtes Gewissen machten da ich zu ihr kontakt hielt. Ich war müde von dem anstrengenden bibelstudien und ängsten vor harmagedon. Das was mir dann endluch die augen öfnete war: aus meiner frühren bzhg habe ich noch einen 5jährigen sohn. (Er wurde 5 jahre von meiner mom erzogen also praktisch wie ich damals..ich wurde da ziehmlich jung mutter und wohnte mit meinen eltern zam) anfang des jahres zog der kleine zu uns. 3 monate später äußerte er so komische sachen wie : „wenn joel geboren wird dann tu ich ihm weh“ ich nahm ihn da nicht für voll. Kinder dachte ich mir. Es wurde aber nicht besser… nach ungefähr 4 ~5 monaten passierte folgendes : milan (5jährige) nahm ein spielzeug von joel (mein 2ter sohn im sommer geboren) und schlug ihn mit voller wucht auf den kopf zu der zeit war ich wäsche machen als der kleine aufschrie ich sah nur noch wie milan ins zimmer rannte und die türe zu knallte. Der kleine hat vor schreck und schmerz keine luft mehr bekomm also bließ ich ihm in die nase und konnte ihm so an luft verschaffen ihn zu beruhigen war nicht leicht. Ich fragte mich warum nur… hinterher hat sich herrausgestellt warum er das tat . Er meinte zu mir , weil kain seinen bruder abel getötet hat und das seine lieblingsgeschichte sei. Mir standen die haare zu berge in mir war alles taub und ich hatte angst mehr als vor dem tod. Jetzt lebt der milan bei seinem leiblichen vater. Ich musste mich von meinem ersten sohn trennen weil er so ne gehirn wäsche bekomm hat das er sogar seinen stiefbruder hätte töten könn. Was ich damit sagen möchte ist , mein buch mit biblischen Geschichten kindgerecht? Auf gar keinen fall. Die sache mit dem blut hab ich mir damals immer gedanken gemacht und ich würde auch niemals zu lassen das meine kinder sterben. Aber eins ist mir noch wichtig wie kann gott gerecht und gleichzeitig ungerecht sein?? Und heißt gott nur gott? Ich muss mich echt erholen von dieser Verwirrung und gleichzeitig hab ich tausend fragen in meinem kopf .. ich danke ihnen jdfls für ihre zam fassung von ihren gedanken , erlebnissen etc.

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    1. Marion sagt:

      Liebe Karolina,
      deine Zeilen haben mich als Mutter und „nicht-zj“ aber im losen Kontakt erschüttert! Wie geht es dir jetzt – hast du Halt?! …. Du bist nicht allein mit deinem Kummer!
      Liebe Grüße, Marion

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  5. Peter sagt:

    Erwachet,aus diesem Alptraum.Es sind Menschenfänger. ?
    Und es hat noch keiner überlebt!!.

    Wir sind“ ungläubige“ 🙂

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