10-Punkte-Plan zur Auto-Exdoktrination

© DedMityay

Wurde Dir vor kurzem die Gemeinschaft entzogen? Bist Du nun in einer Situation, in der Du Dich fragst, wie es weitergehen soll? Bist Du freiwillig gegangen, weil Dir klar wurde, dass Jehovas Zeugen nicht die Wahrheit haben? Oder bist Du sogar unfreiwillig ausgeschlossen worden, glaubst aber weiterhin an die Lehren der Religionsgemeinschaft und/oder zumindest noch an Gott? Vielleicht bist Du auch schon jahrelang kein Zeuge mehr, zuckst jedoch zusammen, wenn es donnert oder in den Nachrichten von einem großen Erdbeben berichtet wird, da Du sofort vermutest, dass Harmagedon beginnt oder zumindest kurz bevorsteht. Oder Du hast in bestimmten Situationen noch immer „Flashbacks“ und ein schlechtes Gewissen, wenn Du Weihnachten feierst, sexuell aktiv bist, ohne verheiratet zu sein, oder Dir vorstellst, eine Bluttransfusion akzeptieren zu müssen, um nach einem Unfall zu überleben?

Wie auch immer Deine Situation aussieht: Wer einmal indoktriniert wurde – also massiver Beeinflussung durch verschiedene psychologische Methoden im Hinblick auf die Bildung einer bestimmten (Fremd-)Meinung oder Einstellung ausgesetzt war – muss auch wieder „exdoktriniert“ werden: also mit Hilfe von rationalen Argumenten und der Vermittlung des „Werkzeugkastens“ kritischen Denkens befähigt werden, sich selbst eine EIGENE (rationale) Meinung zu bilden, die (häufig irrationale) Fremd-Meinung zu verlieren und sich sozusagen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Ist das nicht bereits automatisch passiert, wenn man erkennt, dass die Zeugen nicht die wahre Religion haben können? Leider nicht.

Jede vehemente Belehrung verursacht die Bildung neuronaler Verknüpfungen im Gehirn, die durch ständige Wiederholung enorm verstärkt werden.

Ich muss hier wohl nicht weiter ausführen, welche Rolle Wiederholung bei den Zeugen spielt. Die einfache Erkenntnis, dass es besser sei, sich von den Zeugen abzuwenden, ändert zunächst nicht viel an der über Jahrzehnte entstandenen physischen Struktur des Gehirns.

Diese kann nur durch bewusste Anstrengung wieder aufgelöst werden. Flashbacks, Ängste und andere durch die jahrelange unethische Beeinflussung hervorgerufene Symptome können durch die Befolgung des weiter unten beschriebenen 10-Punkte-Plans zur Exdoktrination gelindert oder sogar vollständig beseitigt werden.

Kurz gesagt werden einem mit Hilfe dieser Methode folgende Fragen beantwortet:

  • Warum kann ich sicher sein, dass die Zeugen irrationalen Vorstellungen anhängen, die nichts mit der Realität zu tun haben?
  • Warum kann ich sicher sein, dass die Zeugen die Bibel völlig falsch verstehen?
  • Wie ist es zu erklären, dass ich so lange nicht gemerkt habe, wie die Realität aussieht? Wie konnte man mich überhaupt so lange unter Kontrolle halten?
  • Wie kann ich künftige unethische Beeinflussungsversuche erkennen? Woran merke ich, dass eine Ansicht nicht der Realität entspricht?
  • Welches Handwerkszeug benötige ich, um mir und anderen Menschen zu helfen, irrationale Vorstellungen zu verlieren?
  • Welche Methode gibt es, um korrekte Erkenntnisse zu erwerben? Warum ist diese Methode so sicher?
  • Wie sehen der Ursprung und die Entstehung des Menschen nun wirklich aus und warum ist das sicheres Wissen?
  • Was bringt die Zukunft und warum kann ich mir sehr sicher sein, dass diese Zukunft eintritt? Warum ist die „Hoffnung“, die die Realität bietet, viel besser als die von den Zeugen propagierte?

Hat man sich mit diesen Fragen beschäftigt und fundierte, gut belegte und logisch einwandfreie Antworten darauf bekommen, tritt etwas Seltsames ein:

Man erkennt, dass nahezu alles, was man je in seinem Leben als Zeuge geglaubt hat, nicht der Realität entspricht. Und damit nicht genug: Man bemerkt sogar, dass man alle alten Vorstellungen um 180 Grad drehen muss und praktisch das exakte Gegenteil davon der Realität entspricht! Natürlich verstärkt diese Erkenntnis enorm die Frage: Warum habe ich das nicht früher gemerkt? Und schon befindet man sich im nächsten Themenbereich, mit dem man sich beschäftigen muss, um ein vollständiges Bild zu erhalten.

Der 10-Punkte-Plan dient nur als „Kompass“, der die Richtung vorgibt, mit welchen Themenbereichen man sich beschäftigen sollte, um den größtmöglichen Exdoktrinationseffekt zu erzielen. Jeder Leser muss durch intensives eigenes Nachforschen auf den beschriebenen Gebieten selbst zu den kurz angerissenen Erkenntnissen gelangen. Die einfache Lektüre dieses Artikels reicht leider nicht aus.

Die nun folgenden 10 Punkte bauen aufeinander auf und sollten daher in dieser Reihenfolge „abgearbeitet“ werden:

1. Die neuzeitliche Geschichte der Zeugen Jehovas

Hierfür ist es ausreichend, sich ausschließlich mit den alten Originalpublikationen der WTG zu beschäftigen. Das hat den Vorteil, dass man keine Ängste überwinden muss – falls man noch stark indoktriniert ist und ein mulmiges Gefühl bekommt, wenn man an Publikationen „Abtrünniger“ denkt.

Folgende Exdoktrinationsziele werden hierdurch erreicht:

  • Man kommt zu der Erkenntnis, dass einem wichtige Fakten vorenthalten wurden. Andererseits wird einem klar, dass die WTG korrekte Informationen verdreht präsentierte, so dass ein Eindruck entstand, der nicht der Realität entsprach.
  • Man erkennt außerdem recht schnell, dass es sich bei dieser Organisation niemals um eine Organisation Gottes handeln konnte – so typisch geprägt vom Zeitgeist waren die meisten damaligen pseudowissenschaftlichen Vorstellungen. Tatsächlich muss man sogar schmunzeln, wenn man von den unzähligen Vorhersagen hört, die voller Inbrunst weit und breit bekannt gemacht wurden und dann allesamt nicht eintrafen – und diese bezogen sich nicht nur auf Zeitpunkte für das voraussichtliche Eintreten Harmagedons.
  • Einem wird klar, dass zu der Zeit, als Jesus Christus die WTG unter vielen anderen Religionsgemeinschaften als die „einzig Wahre“ auserwählt haben soll, nahezu ausschließlich Dinge gelehrt wurden, die inzwischen fast alle von den Zeugen verworfen wurden.

Ein guter Start für den eigenen Einstieg in die Geschichte der Zeugen Jehovas sind dieser Artikel und dieses Quiz.

2. Biblische Lehren in neuem Licht

Zu einer erfolgreichen Exdoktrination gehört es auch, das biblische Verständnis der Organisation auf den Prüfstand zu stellen. Ansonsten könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Zeugen zwar nicht die Wahrheit haben, sich aber immerhin von allen christlichen Religionen am engsten an die Bibel halten. Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein.

Lernziele in diesem Abschnitt der Auto-Exdoktrination sind folgende:

  • Man erkennt, dass sich die Zeugen von allen christlichen Religionsgemeinschaften wohl am wenigsten (!) nach den Lehren der Bibel richten. Die Gründe hierfür sind ebenfalls sehr exdoktrinierend:
  • Einem wird klar, dass ein Großteil des falschen Verständnisses auf einer verfälschten eigenen Bibelübersetzung beruht. Die tendenziös wiedergegebenen Bibelstellen muss man schon kennen, damit sie einem auffallen. Sie betreffen vorwiegend die Stellung Jesu. Wer herausfindet, dass die ersten Christen Jesus angebetet haben und genau deswegen die Verfolgung im ersten Jahrhundert von den Juden Saulus und Konsorten so dramatisch war, versteht die biblischen Zusammenhänge schlagartig viel besser. Ein heutiger Zeuge wäre damals unter den Juden gar nicht negativ aufgefallen.
  • Außerdem bemerkt man recht schnell, dass die Zeugen Jehovas eigentlich eher einer jüdischen Splittergruppe gleichen und dass sie eine Mentalität besitzen, die der in den griechischen Schriften erwähnten Judenchristen ähnelt, die immer wieder der Meinung waren, dass bestimmte Punkte aus dem mosaischen Gesetz eingehalten werden müssten, um das Wohlgefallen Jehovas zu erlangen.
  • Unter dem Strich stellt man fest, dass etwa 95% des biblischen Verständnisses der Zeugen falsch ist. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Bestandteile ihres Logikgebäudes derart miteinander verwoben sind, dass sie wie eine große Anzahl Domino-Steine komplett umfallen, wenn sich EINE Lehre als falsch herausstellt – wie zum Beispiel die Vorstellung von der Wichtigkeit des Jahres 1914.

Als Startpunkt für die Untersuchung der Lehren der Zeugen Jehovas können Artikel wie dieser, dieser oder dieser dienen.

3. Bewusstseinskontrolle

Nachdem einem bewusst geworden ist, dass nahezu alles, woran man jemals glaubte, falsch war, steigt unvermittelt die Frage in einem auf: Warum habe ich das nicht eher erkannt? Es ist daher an der Zeit, in Schritt 3 der Selbstexdoktrination die psychologischen Hintergründe der sog. Bewusstseinskontrolle – auch unethische Beeinflussung oder Gedankenreform genannt – zu untersuchen.

Die Lernziele in diesem Schritt sind folgende:

  • Man erkennt, dass die manchmal lebenslange psychische Kontrolle, unter der man stand, bis in alle Einzelheiten zu erklären und ein völlig logisches und in seinen Bestandteilen wissenschaftlich meist sehr gut untersuchtes Phänomen ist.
  • Es wird einem klar, dass man kaum eine Chance hatte, der unethischen Beeinflussung zu entkommen und dass selbst die intelligentesten Menschen (und GERADE diese) in der Regel nichts davon mitbekommen.
  • Man ist erstaunt zu erfahren, dass die gleichen Mechanismen im nationalsozialistischen Deutschland, in Nordkorea, in Kulten wie Peoples Temple oder Heaven’s Gate, die beide in Massenselbstmorden endeten, im heutigen Populismus oder in der Türkei unter Erdogan bzw. unter den Anhängern Trumps wirkten bzw. wirken. Leider war auch der Brexit davon beeinflusst.
  • Noch erstaunter ist man, wenn man erfährt, dass diverse Bibeltexte Methoden der Bewusstseinskontrolle enthalten.

Um in das Thema einzusteigen, sollte man sich insbesondere das B.I.T.E.-Modell von Steven Hassan oder die Modelle von Robert J.- Lifton, Margret Singer und Leon Festinger ansehen. Eine sehr gute Erklärung auf Englisch liefert das folgende Video eines ehemaligen Mormonen.

4. Logische Fehlschlüsse und kognitive Verzerrungen

Bewusstseinskontrolle nutzt vor allem die Schwächen des menschlichen Gehirns aus. Es ist daher nun an der Zeit, sich mit diesen Schwachstellen zu beschäftigen, um ihnen künftig nicht mehr zum Opfer zu fallen.

Folgende Erkenntnisse sollten hierbei gewonnen werden:

  • Der Mensch ist ohne Übung und Bildung auf diesem Gebiet praktisch nicht in der Lage, fehlerfreie rationale Überlegungen anzustellen. Während man nach dem Ausstieg endlich angefangen hat, selbst zu denken und darauf stolz war, erkennt man plötzlich, dass dieses Denken häufig fehlerhaft ist, da es durch sog. angeborene kognitive Verzerrungen „sabotiert“ wird. Diese „Abkürzungen“ im Denken sind erforderlich, weil das menschliche Gehirn nicht genügend „Rechenleistung“ besitzt, um die Komplexität der Realität vollumfänglich zu erfassen und zu verarbeiten.
  • Man lernt, eigenes fehlerhaftes Denken bewusst zu bemerken und anschließend zu korrigieren. Falsche Schlüsse, die man aufgrund dieser Unzulänglichkeit zog, nennen sich…
  • …logische Fehlschlüsse. Mit der Zeit findet man sie praktisch überall: In den Publikationen der Gesellschaft, in der Politik, in den Meinungen der Mitmenschen und sogar in der Bibel! Einem wird klar, dass die meisten Menschen irrationale Vorstellungen haben.
  • Man gelangt zu der Erkenntnis, dass die Argumente für die Existenz Gottes ebenfalls Fehlschlüsse sind und man erkennt, dass es ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht gibt.

Als Ressource zur Beschäftigung mit diesen Themenbereichen kann eine Vielzahl an Literatur und zum Einstieg diese und diese Seite dienen. Eine Liste mit kognitiven Verzerrungen findet man in Wikipedia.

5. Realität / Bewertung der Realität

An diesem Punkt der Auto-Exdoktrination wird einem klar, dass es offenbar eine feststehende Realität außerhalb des eigenen Kopfes gibt, die man u. a. mit logisch korrekten, rationalen Überlegungen erfassen kann. Denn wenn es Fehlschlüsse gibt, muss es auch korrekte Schlüsse geben, die mit dieser Realität übereinstimmen.

Als Lernziele könnte man nennen:

  • Während es Tatsachen gibt, die man als real oder auch richtig bezeichnen muss, gibt es genauso Vorstellungen über die Realität, die falsch sind: Entweder ist die Fußgänger-Ampel rot oder grün. Ist sie rot, aber jemand behauptet, sie sei grün, ist das falsch.
  • Gleichzeitig erkennt man aber auch, dass es über sieben Milliarden unterschiedliche Bewertungen der Realität geben kann, die alle richtig sind. Der eine findet den Film spannend, der andere nicht. Ein dritter findet ihn lustig, der nächste ziemlich langweilig usw. Jeder hat hierbei recht.
  • Allerdings gibt es auch Bewertungen, die aus einer falschen Ansicht über die Beschaffenheit der Realität resultieren. „Supermarktkette XY ist extrem schlecht, da sie bereits häufig nicht mehr haltbare Lebensmittel verkauft hat.“ Sind tatsächlich jedoch niemals Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum verkauft worden, verliert auch die Bewertung ihre Grundlage und muss in gewisser Hinsicht als unzutreffend (oder falsch) bezeichnet werden.
  • Technologie funktioniert. Sie muss sich daher auf physikalische Gegebenheiten stützen, die unabhängig vom subjektiven Eindruck des einzelnen Menschen in einer bestimmten Form existieren und deswegen auch vorhersagbar sind.
  • Es wird einem klar, dass weder Logik noch die wissenschaftliche Arbeitsweise einen Sinn ergäben, wenn alles subjektiv wäre.
  • Gleichzeitig wird einem klar, dass die subjektive Realitätsvorstellung eines Individuums von der Wirklichkeit völlig abweichen kann und das Ziel eines Menschen daher darin bestehen sollte, seine Vorstellung von der Realität an die tatsächlichen Gegebenheiten immer mehr anzunähern.

Zur Erforschung des Themas könnte man sich mit den beiden konträren philosophischen Richtungen des Realismus und des Anti-Realismus beschäftigen. In diesem Video wird der Realitätsbegriff schön erklärt.

Nachfolgend ein Clip, der aufzeigt, warum es eine objektive Realität geben muss und nicht alles subjektiv vom Gehirn des Einzelnen konstruiert worden sein kann.

6. Argumentationstheorie / kritisches Denken

Inzwischen sollte man bemerkt haben, dass man überall von irrationalen Vorstellungen umgeben ist – nicht nur bei den Zeugen. Außerdem wird einem klar, dass gewisse Methoden der Bewusstseinskontrolle auch außerhalb von Kulten angewandt werden. Um also künftig nicht schon wieder auf Dinge herein zu fallen, die nicht der Realität entsprechen, sollte man „critical thinking skills“ erwerben. Es handelt sich hierbei um die Fähigkeit, Argumentationen auf ihren Wahrheitsgehalt hin systematisch überprüfen zu können. Hierzu ist außerdem Wissen auf dem Gebiet der Argumentationstheorie vonnöten.

Folgende Lernziele werden bei diesem Thema angestrebt:

  • Man sollte die grundlegenden Prinzipien kritischen Denkens kennen und anwenden können.
  • Man sollte einzelne Argumente in formaler und inhaltlicher Hinsicht analysieren und ihre Qualität beurteilen können.
  • Man sollte ganze Argumentationen grafisch darstellen und erkennen können, ob sie schlagend sind oder nicht.

Folgende Videos und Playlists sind hierbei hilfreich:

7. Glaubenssätze, deren Auflösung / Logikgebäude

Bei der Beschäftigung mit Argumentationstheorie wird einem klar, dass Konklusionen (gezogene Schlüsse) nichts anderes als Glaubenssätze sind. Glaubenssätze sind ein Begriff aus der neurolinguistischen Programmierung. Es sind (häufig leider falsche) Vorstellungen von der Realität, die in der Regel nicht mehr hinterfragt werden.

Gleichzeitig stellt man fest, dass die Gründe für die einzelnen Glaubenssätze die Prämissen (Voraussetzungen, aus denen ein Schluss gezogen wird) aus der Argumentationstheorie sind. Und damit auch Glaubenssätze, die wiederum begründet werden müssen.

Daraufhin lernt man folgendes:

  • Glaubenssätze sind hierarchisch aufgebaut, wobei diejenigen auf einer unteren Ebene von denjenigen auf höheren Ebenen abhängig sind. Ein Zeuge, der eine Bluttransfusion verweigern will, ruft sich vielleicht noch die Bibeltexte in den Sinn, die seiner Meinung nach zeigen, dass einem Christen die Aufnahme von Blut verboten ist (Glaubenssatz auf niedriger Ebene). Er hinterfragt jedoch nicht mehr die Vorstellung, dass die Bibel Gottes Wort ist oder gar dass ein Gott existiert (Glaubenssätze auf höherer Ebene). Fielen diese weg oder stellten sie sich als falsch heraus, würde der Zeuge in der Regel auch keine Bluttransfusion mehr ablehnen, da seine Vorstellungen über die Ablehnung von Blut logischerweise von diesen übergeordneten Glaubenssätzen abhängen.
  • Das Konglomerat von diversen Glaubenssätzen, die jemand durch die Beeinflussung des Kults entwickelt hat, kann man auch als Logikgebäude bezeichnen. Es ist in komplizierter Weise miteinander vernetzt. Stellt sich zum Beispiel die Ansicht über das Jahr 1914 als falsch heraus, entsteht automatisch die Frage, ob wir wirklich in der Zeit des Endes leben und ob Jesus bereits inthronisiert wurde etc. In sich ist ein Logikgebäude (wie der Name schon sagt) relativ logisch. Erhält man allerdings Informationen, die man nicht kannte und die alles auf den Kopf stellen, kann das Logikgebäude auch sehr schnell „einstürzen“.

Mit dem Wissen über Argumentationstheorie und Techniken wie slight of mouth oder der sokratischen Methode kann es gelingen, die eigenen Glaubenssätze und die anderer zu hinterfragen und sogar zu ändern. Eine weiterentwickelte sokratische Methode ist die  sog. Street Epistemology.

8. Wissenschaftliche Arbeitsweise / Erkenntnistheorie

Ausgerüstet mit den theoretischen Grundlagen der Logik und der rationalen Beweisführung kann man sich nun der Erkenntnistheorie widmen. Also der Frage, wie man möglichst sicheres Wissen erlangt. Über Jahrhunderte hat der Mensch eine Methode entwickelt, die genau das kann: die wissenschaftliche Arbeitsweise.

Lernziele sind hier:

  • Den entscheidenden Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion zu verstehen: Wissenschaft geht von sicherem Wissen aus (Fakten) und schlussfolgert daraus logisch korrekt. Sie ist grundsätzlich ergebnisoffen. Religion geht hingegen von einer unbewiesenen Annahme aus (es existiert ein Gott) und sucht dann nach Beweisen, die diese Vermutung stützen. Diese Vorgehensweise ist logisch nicht haltbar.
  • Wissenschaft falsifiziert, Pseudowissenschaft verifiziert. Dieses von Karl Popper entwickelte Prinzip ist sehr wichtig. Man versteht es problemlos, wenn man sich zuvor mit Argumentationstheorie und den verschiedenen Formen von Argumenten beschäftigt hat.
  • Man stellt fest, dass die Zeugen pseudowissenschaftlich vorgehen.
  • Man kommt zu der Erkenntnis, dass die irrige Ansicht, die Wissenschaft schließe einen Gott von vornherein aus, falsch ist. Wenn Gott in die materielle Schöpfung eingegriffen hat (was er ja haben soll), dann müsste er sich auch mit Hilfe (ggf. künftiger) wissenschaftlicher Anstrengungen „finden“ lassen.
  • Man muss einsehen, dass nur das mit wissenschaftlichen Methoden gefundene Wissen (relativ) sicheres Wissen ist. Alles andere sind unbewiesene Behauptungen.
  • Man muss sich eingestehen, dass es auf einige Fragen eben einfach (noch) keine Antwort gibt.
  • Am Ende dieses Abschnitts sollte man die einzelnen Schritte der wissenschaftlichen Arbeitsweise exakt beschreiben können.

Die wissenschaftliche Methodik wird in diesem Video erklärt.

Eine schöne Zusammenfassung von Karl Poppers Gedanken ist in diesem Video zu finden.

9. Sintflut / Evolution

Die neuen Erkenntnisse über die wissenschaftliche Arbeitsweise sollte man in einem nächsten Schritt auf die beiden Themenbereiche anwenden, die religiöse Gemüter – sofern widerlegt bzw. bewiesen – wohl am nachhaltigsten erschüttern können: auf die Vorstellung von einer buchstäblichen weltweiten Überschwemmung der Erde (Sintflut) und auf die Entwicklung des Lebens bis hin zum Menschen (Evolution).

Folgende Punkte sollte man erkennen:

  • Es gibt unzählige schlagende Beweise dafür, dass eine buchstäbliche weltweite Überschwemmung der Erde nicht stattgefunden hat. Daraus folgt, dass Jesus und seine Jünger an etwas glaubten, das nicht der Realität entsprach, was wiederum beweist, dass Jesus nicht Gottes Sohn war und die Bibel nicht sein Wort.
  • Die Stärke der wissenschaftlichen Arbeitsweise wird besonders anhand der Evolutionstheorie deutlich, da wohl jeder die Vorstellung, dass sich verschiedene Tierarten aus anderen entwickelt hätten, mit dem gesunden Menschenverstand nur schwierig nachvollziehen kann. Die Verwendung desselben hat nämlich nicht nur aufgrund der zuvor kennengelernten kognitiven Verzerrungen ihre Tücken, sondern auch aufgrund anderer Unzulänglichkeiten des Gehirns.
  • Es wird einem in diesem Zusammenhang klar, dass das Gehirn des Menschen nur mit Einheiten aus dem Mesokosmos umgehen kann: Stunde, Kilogramm und Meter. Makrokosmische Entfernungen wie Lichtjahre oder inkrementelle Änderungen über lange Zeiträume (wie bei der Evolution über Millionen von Jahren) sind nicht wirklich nachvollziehbar. Die wissenschaftliche Arbeitsweise überwand diese Einschränkungen und konnte die Realität aufzeigen.
  • Wenn man erkennt, dass die Sintflut nie stattfand und die Evolutionstheorie korrekt ist, verschwinden fast schon automatisch die meisten religiösen Vorstellungen, die man ggf. noch hatte. Es ist zwar legitim, solche Glaubenssätze auch nach der Zeit bei den Zeugen zu vertreten. Allerdings ist es ein Zeichen dafür, dass man noch nicht vollständig exdoktriniert ist. Spätestens an diesem Punkt sollte einem nämlich klar werden, dass auch jegliche religiöse Vorstellungen irrational sind.

In diesem Artikel finden sich viele eindeutige Beweise, die eine weltweite buchstäbliche Flut widerlegen. Um sich mit Beweisen für die Evolution zu beschäftigen, kann man mit diesen Clips und diesem Video starten.

10. Technologische Singularität

Als ehemaliger Zeuge wird man von aktiven Mitgliedern „gerne“ gefragt, welche Hoffnung man denn jetzt noch habe. Abgesehen davon, dass es sich hierbei bereits um einen impliziten Fehlschluss – nämlich emotionale Beweisführung – handelt („Ich will ewig leben; durch die Bibel habe ich diese Hoffnung; also ist meine Religion wahr“), kann man darauf kurioserweise sehr rational antworten: „Ich habe die ‚Hoffnung‘ der technologischen Singularität!“

Zugegeben: Nachdem man erkannt hat, dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott gibt, man daher auch nicht auferstehen wird, und mit dem jetzigen Leben alles vorbei ist, könnte man denken, dass es keine Hoffnung gibt. Es ist tatsächlich auch reiner Zufall, dass man in der jetzigen Phase der Menschheitsgeschichte geboren wurde. Und dies eröffnet nicht nur eine sehr realistische Hoffnung, sondern auch noch eine, die die biblische Hoffnung bei weitem übertrifft.

Folgende Erkenntnisse sollten gewonnen werden:

  • Eine Analyse der Entwicklung des Lebens zeigt, dass die Evolution exponentiell verlaufen ist: Zunächst hat es Milliarden Jahre gedauert, um erste Einzeller hervorzubringen, dann nur noch Millionen von Jahren, um mehrzellige Organismen entstehen zu lassen. Der Schritt vom Primaten zum Menschen erfolgte dann in noch viel kürzerer Zeit.
  • Als die Gehirne so weit entwickelt waren, dass es zum ersten Werkzeuggebrauch kam, wurde eine weitere exponentielle Entwicklung gestartet, die man ebenfalls lupenrein nachvollziehen kann: die technologische. Im Prinzip gehört sie ebenfalls zur biologischen Evolution, denn sie brachte ganz klare Überlebensvorteile. Über Hunderttausende von Jahren wurden lediglich Steinwerkzeuge verwendet. Technologie entwickelte sich dann immer schneller und schneller bis sie in der industriellen Revolution „explodierte“ und diverse Probleme des Menschen löste. Schließlich wurde die Computertechnologie erfunden.
  • Diese startete das nächste Paradigma: die exponentielle Entwicklung der Rechenleistung. Die vom Menschen entwickelten Prozessoren, die in der Lage waren, digitalisierte Information zu verarbeiten, verbesserten sich ebenfalls exponentiell, wobei keine Weltwirtschaftskrise, kein Weltkrieg und kein anderes Ereignis – sei es auch noch so welterschütternd gewesen – auch nur die kleinste Beeinträchtigung dieser Entwicklung herbeiführen konnte.
  • Jede digitalisierte Technologie macht somit diese exponentielle Entwicklung durch. Derzeit wird der medizinische Bereich digitalisiert – viele andere Gebiete wurden bereits digitalisiert. Selbst physikalische Gegenstände sind zunehmend durch 3D-Druck in der Digitalisierung. Bald wird man Waren nicht mehr in die Packstation geliefert bekommen, sondern als File downloaden und auf dem heimischen 3D-Drucker ausdrucken.
  • Man lernt vor allem, was exponentielle Entwicklung eigentlich bedeutet und dass sie eine weitere Unzulänglichkeit des Gehirns aufdeckt. Dieses entwickelte sich unter komplett linearen Bedingungen und kann daher nicht begreifen, dass in den nächsten 10 Jahren ein ähnlicher technologischer Fortschritt stattfinden wird, wie im Mittelalter zum Beispiel in 500 oder sogar mehr Jahren.
  • Letztendlich wird einem klar, dass die Technologie – nicht zuletzt durch künstliche Intelligenz – in einem durch die sehr konstant verlaufende exponentielle Entwicklung recht gut vorhersagbaren Zeitraum zu einer Singularität führt – zu einem Punkt, nach dem die weitere Entwicklung der Menschheit praktisch nicht mehr vorhersagbar ist, weil es zu größten Umwälzungen kommen wird. Ray Kurzweil (Leiter der technischen Entwicklung bei Google und bekannter Erfinder) schätzt, dass die Singularität bis etwa zum Jahr 2045 erreicht wird.
  • Da sich Abläufe im Meso- und Makrokosmos vollkommen logisch verhalten und man durch immense Rechenleistung und künstliche Intelligenz die Werkzeuge in der Hand hält, um nahezu jeden Vorgang in der Natur verstehen und zum Nutzen des Menschen manipulieren zu können, ist davon auszugehen, dass in den nächsten 20 Jahren praktisch alle Krankheiten ausgemerzt werden und sogar die Lebenserwartung drastisch erhöht, das Altern umgekehrt und spätestens nach der Singularität sogar ein ewiges Leben wahrscheinlich wird. Dieses könnte auch durch eine weitere parallele Entwicklung eintreten: den sog. Transhumanismus. Damit ist nichts anderes gemeint, als dass der Mensch mit Technologie verschmilzt. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch wird zur Maschine. Im Prinzip kann der Tod vermutlich nur dadurch völlig verschwinden, denn tödliche Unfälle sind natürlich weiterhin möglich, solange der Mensch aus biologischem Material besteht.
  • Auch hochinteressant ist die Erkenntnis, dass künstliche Intelligenz im Prinzip arbeitet wie die Evolution: eine enorme Menge an inkrementellen Verbesserungen führt am Ende zu einem Ergebnis, das wie designt erscheint, es aber nicht ist – einzig und allein gesteuert durch die anfänglichen rudimentären Vorgaben der Programmierer (im Falle der Evolution durch die Naturgesetze).

Man darf natürlich nicht wie die Zeugen den Fehler machen und eine Zukunft, die auch der beste Wissenschaftler nicht exakt vorhersagen kann, für 100%ig sicher zu halten. Allerdings spricht alles für die beschriebene Entwicklung und man kann davon ausgehen, dass der Menschheit – ich verwende das Wort jetzt mal – paradiesische Zeiten bevorstehen. Dies wird auch jetzt schon dadurch untermauert, dass sich die Zustände auf der Erde radikal auf nahezu jedem Gebiet verbessern und die verbliebenen Probleme angesichts künftiger technologischer Entwicklungen durchaus lösbar erscheinen. Unsere heutigen Zustände wären von Menschen im Mittelalter bereits als paradiesisch beschrieben worden.

Und hier schließt sich der Kreis:

Charles T. Russell hat tatsächlich geglaubt, dass das Paradies durch menschliche Technologie unter der Leitung Christi herbeigeführt werden könne. Völlig Unrecht – mit Ausnahme der religiösen Komponente – hatte er nicht.

Als Ressourcen für die obigen Ausführungen können folgende Videos dienen:

Sehr gute kurze Zusammenfassung des Themas, sehr gute längere Zusammenfassung, hervorragende Erklärung des Transhumanismus, lineares vs. exponentielles Wachstum und ein weiteres Video zum Thema. Hier noch ein aktueller Vortrag zu den Gründen der enormen Beschleunigung technologischer Fortschritte in unserer Zeit.

© oatawa

Hat man sich mit allen diesen Themen wirklich intensiv auseinandergesetzt, dürfte von der Indoktrination nicht mehr viel übrig sein. Aber nicht nur das: Man ist für die Zukunft perfekt gerüstet, weil man die Entwicklung vom irrationalen Menschen hin zur rationalen Person durchlaufen hat und für kommende Herausforderungen des Lebens bestens gerüstet ist.

Reaktionen zu diesem Beitrag

  1. ryu sagt:

    werdet ihr zum neuen ältestenbuch etwas schreiben? es gibt jetzt ein eigenes kapitel zu kindesmissbrauch

    Antworten
    1. Oliver Wolschke sagt:

      Sobald es in Deutsch verfügbar ist, werden wir sicher einen Artikel dazu erarbeiten. Noch etwas Geduld 🙂

      Antworten
  2. Para sagt:

    Lieber Micha,

    erst einmal vielen Dank für deinen Artikel und die Mühe, die ihr euch ständig macht.
    Du bist dir ja bestimmt im Klaren, dass dich nach dem obenstehenden Artikel viel Kritik erwartet. Ich muss zugeben, auch ich musste an manchen Stellen schlucken.
    Ich bin vor ca zwei Monaten aufgewacht und daher noch sehr verwirrt. Ich lese so ziemlich alles, was ich zu dem Thema finde.
    Ich muss zugeben….ich glaube zu 95 Prozent nicht mehr an einen Gott. Und doch beneide ich die so sehr, die es noch können. Ich möchte mal von mir behaupten, dass ich ein sehr realistischer Mensch bin. Witzigerweise dachte ich immer, dass bei den Zeugen alles realistisch ist. Ich hab ja immer erzählt, dass gerade bei uns nicht das Motto gilt: Glaube heißt: nicht wissen.
    Aber ich schweife ab. Was ich sagen wollte ist, dass ich mir noch nicht sicher bin, ob die Menschheit mit oder ohne Gott besser dran ist. Einerseits geschehen in seinem Namen schreckliche Dinge. Andererseits spornt er zur Nächstenliebe an. Obwohl ich ja jetzt immer noch Nächstenliebe habe…auch ohne Glauben.
    Wie du merkst, bin ich sehr verwirrt und habe meinen Weg noch lange nicht gefunden. Aber eins weiß ich: Ich höre nur noch auf Fakten. (Jedenfalls versuche ich es;)
    Ich beneide dich, dass du so felsenfest an die Evolution glaubst und ich beneide die Zeugen, dass sie so felsenfest an Gott glauben. Im Moment weiß ich nur eins: Dass ich gar nichts weiß.
    Ich hoffe, ich finde noch meinen Weg. Auf jeden Fall werde ich deinen Artikel noch genauestens „studieren“:)))))

    Alles Liebe für dich und auch Oli und seiner Familie
    Para

    Antworten
    1. Sebastian sagt:

      Hi Para,
      nur ein kleiner Einwurf: die Evolution und die Entstehung des Lebens – die Abiogenese – sind 2 verschiedene Themen. Glaube schließt Evolution nicht aus.
      LG
      Sebastian

      Antworten
    2. Micha sagt:

      Hallo Para,
      vielen Dank für Deinen lieben Kommentar :-)!

      Ja, ich war mir bewusst, dass Kritik kommt, aber das liegt nur daran, dass viele Menschen auch nach ihrem Ausstieg weiterhin irrationalen Vorstellungen erlegen sind – auch wenn diese dann vielleicht ein anderes Gebiet betreffen – und diese nicht aufgeben wollen. Das Problem sind nämlich vor allem die nicht der Realität entsprechenden Glaubenssätze, die jemand hat, die ihm aber emotional zusagen. Ein destruktiver Kult hat zwar diverse Mechanismen entwickelt, um diese Glaubenssätze beim Individuum zu stärken und es unter allen Umständen davon abzuhalten, seine Meinung zu ändern (was natürlich auch schlimm ist). Aber letztendlich wird man von der Doktrin selbst kontrolliert. Was die Leitende Körperschaft macht, geschieht sicherlich aufrichtig und aus dem Wunsch heraus, den Mitgliedern zu helfen, weil die Brüder ja selbst glauben, dass ihr Logikgebäude der Realität entspricht. Das tut es aber nicht und verursacht daher mitunter großen Schaden (alles was nicht der Realität entspricht, kann nur zufällig positive oder gar keine Auswirkungen haben, meist jedoch leider negative). Die Verantwortung, die Realität herauszufinden, liegt daher bei jedem einzelnen. Auch die Mitglieder der LK wurden ursprünglich einfach nur indoktriniert und waren nicht in der Lage, kritisch zu denken – wie wir alle nicht. Daher sollte sich jeder – insbesondere nach dem Ausstieg – vor allem auf den von mir genannten Gebieten weiterbilden, um nicht sofort wieder ggf. anderen irrationalen Vorstellungen zum Opfer zu fallen.

      Wenn man sich mit diesen Dingen intensiv beschäftigt, wird einem klar, dass nahezu alle Probleme, die die Menschheit derzeit noch hat und in der Vergangenheit hatte, aus irrationalen Vorstellungen resultier(t)en. Habgier, kriminelle Energie usw. spielen nur am Rande in Einzelfällen eine Rolle (meiner Meinung nach).

      Es ist interessant, dass Dich bei den Zeugen das Gleiche angesprochen hat wie mich – nämlich dass sie vermeintlich rational vorgehen und nicht so emotionsgetrieben wie die „Anhänger der falschen Religion“ sind. An einen Gott habe ich bereits in meiner Kindheit nicht geglaubt, obwohl ich als Zeuge erzogen wurde. Habe mich immer gefragt, wie mein Vater darauf kommt, dass es sowas geben soll xD. Als ich dann später anfing, ernsthaft zu „studieren“, wurde ich vor allem durch das scheinbar gut zusammenpassende Logikgebäude überzeugt, welches nur deswegen logisch erschien, weil mir bestimmte Informationen fehlten.

      Das Problem ist, dass viele Leute (nicht alle) vor allem WEGEN der Religion Nächstenliebe üben. Weil sie es sollen, müssen oder ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie es nicht tun. Ohne Religion übst Du Nächstenliebe, weil es authentisch aus Dir herauskommt, was bedingter Liebe vorbeugt. Außerdem kann die Nächstenliebe pervertiert sein, wenn sie einer falschen Vorstellung von der Realität entspringt. Zeugen-Eltern wollen ihrem Kind Nächstenliebe erweisen, indem sie ihm die Anwendung einer Bluttransfusion verweigern. So ist in ihren Augen wenigstens sicher, dass das Kind auferstehen wird, weil es bis in den Tod treu bleibt. Wenn es aber keine Auferstehung gibt, ist die Verweigerung der Bluttransfusion plötzlich kein Akt der Nächstenliebe mehr, sondern sogar das Gegenteil.

      Es ist ganz normal, dass Du verwirrt bist so kurz nach dem Ausstieg. Immerhin steht fast alles wieder zur „Debatte“ und man weiß nicht, was man glauben soll und warum. Bei mir hat es etwa 2 Jahre gedauert, bis ich alles überprüft hatte und zu meinen Erkenntnissen gekommen war. Genau deswegen habe ich ja auch diesen Artikel verfasst. So hat jeder einen kleinen Leitfaden und muss nicht erst „umherirren“ und vielleicht Zeit verschwenden.

      Ich muss nicht an die Evolution glauben… xD Sie ist ja hieb- und stichfest bewiesen – auch wenn einem die Zeugen etwas anderes weiß machen wollten. Das wäre so, als würdest Du sagen, dass Du an die runde Erde glaubst. Es ist keine Glaubensfrage. Es ist Realität. Aber auch auf diesem Gebiet musste ich mir beide Seiten intensiv anhören und angucken. Ggf. schreibe ich mal einen Artikel für Olis Seite mit den Beweisen für die Evolution. Sebastian hat übrigens recht. Es gibt Menschen, die glauben, dass Gott einmalig alles angestoßen hat und es dann seinen Lauf nahm inkl. Evolution etc. Aber Gott auf diesen anfänglichen Funken zu reduzieren, macht in meinen Augen auch keinen Sinn – zumal es unendlich viele andere Erklärungen geben kann, woher dieser Funke kam.

      Die wichtigste Erkenntnis ist aber die: „Do your own research“, denke selbst, schule Dich im kritischen und logisch einwandfreien Denken, erkenne fehlerhafte Argumentationen, bilde Dich (vor allem auf den von mir genannten Gebieten) stark weiter und komme zu Deinen eigenen Schlussfolgerungen. Dann wirst Du den größtmöglichen Erfolg im Leben haben, weil Du dann in Übereinstimmung mit der Realität handeln kannst.

      Ich wünsche Dir auch alles Gute, liebe Para.
      Micha

      Antworten
    3. Miriam sagt:

      Lieber Micha,

      ich schreibe hier mal als jemand, der jemanden bei den Zeugen kennt und der mir sehr wichtig ist (daher auch die Beschäftigung mit dem Thema), der aber nie selbst bei den Zeugen war.
      Du schreibst, dass Christen nur Nächstenliebe ausüben, weil sie dies müssen. Das sehe ich anders. Du schreibst auf Grundlage deiner Erfahrungen bei den ZJ. Du hattest zu der zeit, als du bei den ZJ warst, ein komplett anderes Gottesbild als es Christen tun, die an die Errettung aus Gnade (und eben nicht wegen Taten) glauben. Alle Christen, die ich kenne, üben Nächstenliebe aus einer inneren Überzeugung und Haltung heraus. Nicht, weil sie dies müssen. Zugeben, nicht alle tun dies, die sich als Christen bezeichnen.

      Atheismus ist ebenso ein Glaube. Der Glaube an die Evolution auch. Denn wäre sie bewiesen, wie du sagst, gäbe es wohl eine Menge weniger Gläubige auf dieser Erde.

      C. S. Lewis schrieb in einem seiner Bücher:
      «Angenommen, es gäbe keine Intelligenz hinter dem Universum, keinen schöpferischen Plan. In dem Fall hätte niemand mein Gehirn zum schöpferischen Denken geschaffen. Die Atome in meinem Gehirn würden sich – aus physikalischen oder chemischen Gründen – einfach so bewegen und arrangieren, dass es mir als Nebenprodukt das Gefühl gibt, das ich Gedanken nenne. Aber warum kann ich dann meinem eigenen Denken vertrauen, dass es wahr ist? Das ist so, als wenn man einen Kessel Milch ausschüttet und hofft, dass sie einem eine Karte von London gibt. Aber wenn ich meinem eigenen Denken nicht trauen kann, kann ich natürlich auch den Argumenten nicht trauen, die zum Atheismus führen. Darum habe ich keinen Grund, Atheist oder sonstwas zu sein. Wenn ich nicht an Gott glaube, kann ich meinem Denken nicht trauen. Darum kann ich nie das Denken benutzen, um Unglauben zu beweisen.»

      Du glaubst, es gibt keinen Gott. Du glaubst daher, das alles von selbst entstanden ist. Der Kosmos entstand deiner Meinung nach aus einem Urknall, das Leben aus zufällig gemischten chemischen Substanzen auf einem zufällig entstandenen Planeten, der Mensch als Ergebnis einer zufälligen Evolution.
      Das du existierst, ist daher ein bloßer Zufall. Dein Verstand und all deine Emotionen sind deiner Ansicht nach nur das Ergebnis chemischer Prozesse in deinem Gehirn – ebenso wie deine übrigen körperlichen Abläufe. Als Atheist meinst du letztlich, eine zufällige Ansammlung chemischer Substanzen zu sein, die miteinander für einige Zeit reagieren, bis dein Stoffwechsel endet … dein ganzes Leben ist nur von zufälligen Ereignissen bestimmt.

      Doch welche Bedeutung haben Begriffe wie “gut” und “böse”, wenn alles relativ und nur das Ergebnis zufälliger Entwicklungen ist? Eigentlich muss für dich jede ethische, moralische oder philosophische Überlegung beliebig und subjektiv bleiben.

      Wenn das Leben, wenn du und ich nur Zufall sind, dann sind auch deine Wertvorstellungen nichts als das Produkt eines Zufalls. Und warum sollte das Ergebnis deines zufälligen Denkprozesses für mich irgendeine Bedeutung haben?
      Wenn wir nur ein Zufall sind und unser Leben irgendein chemischer Prozess, ist es doch eigentlich sogar bedeutungslos, ob es uns gibt oder nicht. Welchen Wert hat der einzelne Mensch, wenn er das Produkt irgendeines Zufalls ist?

      Versteh mich nicht falsch, ich kann sehr gut nachvollziehen, warum ein ehemaliger ZJ nicht mehr an Gott glaubt/glauben kann. Ich beschäftige mich jetzt mit diesem Thema seit über 10 Jahren und ja, ich kann es wirklich verstehen. Die meisten ehemaligen ZJ versuchen sich aber auf ‚Teufel komm raus‘ alles zu erklären und wollen alles wissenschaftlich belegen können. Die meisten von ihnen können den Glauben aber, den Christen ausüben (und die nicht in einer fundamentalen Sekte oder christlichen Gruppierung stecken) und an den Gott, an den sie glauben, nicht nachvollziehen. Das Gottesbild ist ein komplett anderes als ZJ es kennen gelernt haben. Und ich finde es ein bisschen schade, dass da so wenig Verständis ist, denn letztendlich können weder Christen noch Atheisten alles erklären.

      Ich halte es da so wie C. S. Lewis (der ja überzeugter Atheist war ;-)):
      «Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann.»

      LG Miriam

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  3. Para sagt:

    Lieber Micha,

    Ich bin richtig gerührt, dass Du mir so viel zurückgeschrieben hast. Danke. Menschen, mit denen ich auf diese Weise reden kann, fehlen mir unheimlich. Ich hab mich ja nur zurückgezogen. In der Versammlung weiß keiner, was wirklich los ist. Weil ich tierische Angst vor dem Verlust meiner Familie habe. Aber auf Dauer ist das kein Zustand.
    Na ja, ich will jetzt hier in der Öffentlichkeit keinen Seelenstripdease machen;)

    Was Du wegen der Nächstenliebe sagst, stimmt. Wenn ich jetzt etwas für andere mache, fühlt es sich anders an…echter. Ich hab nicht mehr den Hintergedanken, ob ich vielleicht was berichten kann:)))

    Ich werde weiter forschen….aber eins muss ich noch loswerden. Wenn man mal alle Fakten beiseite legt und nur noch das Gefühl sprechen lässt……Dann muss ich leider eins sagen: Als ich aufgewacht bin und dachte, ich muss sterben, weil es mich so zerreisst…als ich buchstäblich Rotz und Wasser heulend am Boden lag….ich habe Jehova angefleht: Wenn es dich gibt, dann mach bitte was. Ich möchte ja an dich glauben, aber ich kann es nicht. Bitte hilf mir!!! Tja, da muss ich leider sagen, dass ich nichts von ihm gemerkt habe. Null. Das ist doch mal ein schlagender Beweis.

    Ach, es gäbe noch viel zu erzählen. Aber ich glaube, das ist hier nicht der richtige Ort. Muss meine Therapeutin halt wieder dran glauben:)

    Micha, macht weiter so. Ich will jetzt hier nicht rumschleimen, aber ich hab dem Oli das auch schon gesagt. Ohne diese Seite, wäre ich wahrscheinlich noch im Tiefschlaf. Weil leider viele Ehemalige (verständlicherweise) verbittert hetzen….und damit jeden Zeugen, der zweifelt, zurück in die Arme der LK treiben. Ihr macht das echt gut. Fakten, Beweise und man merkt, dass „Abtrünnige“ ja voll nette Menschen sind:)

    So, jetzt genug.
    Alles Gute……Para

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    1. Micha sagt:

      Liebe Para,

      Du kannst Dir gerne von Oli meine Kontaktdaten geben lassen und mir dann mal erzählen, wie Dein „Aufwachen“ zustande kam. Sowas interessiert mich nämlich immer brennend. 🙂

      Vielleicht kann ich ja dann einschätzen, was Du nun tun kannst und welche Schritte vernünftig wären.

      Ja, „Abtrünnige“ sind einfach nur Menschen, die es irgendwie geschafft haben, sich von der unethischen Beeinflussung zu befreien und dann erkennen, dass sie fast die einzigen Personen sind, die anderen Mitgliedern des gleichen Kults adäquate Hilfe anbieten und Aufklärung betreiben können. 🙂

      Bis dann,
      Micha

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  4. Yana sagt:

    Ich wurde gestern auf diese Seite aufmerksam gemacht und habe seitdem einen Haufen Artikel durchgelesen oder erstmal nur überflogen.
    Man merkt, dass eine Menge Arbeit hineingesteckt wurde.
    Ich bin tatsächlich bei den ZJ aufgewachsen, habe mich zwar mit 14 von der Organisation getrennt, aber in einer Lebenskrise mit ca. 20 kam ich nochmal mit all dem in Kontakt. Es ist heftig – obwohl ich viele Kritikpunkte hatte (z.B. der Umgang mit Homosexualität und Ausgeschlossenen, da meine Mutter ausgeschlossen ist), habe ich mich nochmal um den Finger wickeln lassen. Erst mein Freund hat es damals geschafft, mich das ganze kritisch hinterfragen zu lassen und so hab ich mich auch mental von den ZJ trennen können. Jetzt, wo ich eure Artikel lese, merke ich, dass ich selbst nach dieser langen Zeit (ich bin jetzt 27 Jahre alt) nach wie vor an mir arbeiten muss, um mich von der tiefsitzenden Erziehung der ZJ zu lösen. Schwer wird es vor allem, wenn ich bedenke, dass mein Vater und mein Bruder nach wie vor bei den ZJ sind und auch felsenfest davon überzeugt sind. Ich danke euch daher vielmals für die objektiv dargestellten Inhalte und für die Hilfe, die ihr damit leistet.

    Antworten
    1. Yana sagt:

      Nachtrag:
      Heute bin ich mit meinem damaligen Freund verheiratet und wir haben jetzt sogar eine kleine Tochter. Klar ist das Familienleben anstrengend, aber wir sind glücklich. Etwas, was ich lange Zeit für unmöglich gehalten bzw. bezweifelt habe, weil mir ständig gesagt wurde, dass erst das Leben bei den Zeugen glücklich macht.
      Es erleichtert mich sehr, dass ich unsere Tochter nicht in dem Glauben aufziehen muss – dass sie die Wege gehen kann, die sie möchte und für richtig hält. Es ist nur schwierig, wenn ihr ZJ-Opa dann plötzlich Videos von der ZJ-Internetseite vorspielt. Oder ihr Cousin in dem Glauben aufgezogen wird und z.B. nicht zu ihrem Geburtstag kommen kann.

      Ich überschlage mich bereits seit Tagen mit so vielen Gedanken darüber, weil ihr das alles so super auf den Punkt gebracht habt. Danke nochmal vielmals für eure zahlreichen Anregungen!

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  5. Para sagt:

    Hi Micha,

    ja, das werde ich machen:)

    Mein Gehirn ist ja ständig am Rattern…so manches hilft vielleicht auch anderen, die verzweifelt nach Antworten suchen. Ich hab über Evolution nachgedacht und da fiel mir ein: “ Aber wie kann es denn sein, dass wir nur 10 Prozent unseres Gehirns nutzen? Das spricht doch total gegen die Evolution. Es entsteht doch immer nur das, was auch gebraucht wird? “

    Ich dachte mir, dass ich doch bestimmt nicht der erste bin, der so etwas fragt. Witzigerweise bin ich noch nie auf die Idee gekommen, irgendetwas in dieser Art nachzugoogeln. Meine Infos waren immer nur aus unserer Literatur. Und ich habe auch nicht im entferntesten damit gerechnet, etwas im Netz zu finden. Tja, natürlich lag ich da falsch. Wie erfrischend logisch sind die Erklärungen, die ich gefunden habe.

    Es stimmt ja gar nicht, dass wir nicht unser gesamtes Gehirn nutzen!!! Was war die ganzen Jahre mit mir los, dass ich nicht vorher auf die einfachsten Dinge gekommen bin? Warum hab ich nicht gemerkt, dass ja jeder Teil unseres Körpers – ob es nun Gelenke, Muskeln oder Sehnen sind – verkümmert, wenn man ihn nicht benutzt? Aber bei den 90 Prozent unseres Gehirns ist das nicht der Fall?

    Liebe Brüder und Schwestern, die ihr hier lest. Bitte forscht selbst nach. Ich möchte nicht behaupten, dass ihr glücklicher seid, wenn ihr aufwacht. Eigentlich war meine Meinung schon immer, dass dumme Menschen happy sind. Aber wenn ihr hier lest, dann habt ihr schon Zweifel. Dann seid ihr nicht glücklich. Dann gibt es wahrscheinlich eh kein Zurück. Und vielleicht heilt die Zeit ja wirklich unsere Wunden. Bei Micha und Oli hat es ja auch geklappt.

    Para

    Antworten
  6. Anonymous sagt:

    Hallo Para,

    das mit dem Gehirn beruht auf dem sogenannten Zehn-Prozent-Mythos, der übrigens auch gerne von den Zeugen verbreitet wird (zumindest war es bei mir damals so,…es hieß dann immer, im Paradies würden wir das Gehirn dann endlich voll nutzen.).
    Da gibt es sogar einen Artikel bei Wikipedia.

    LG Kathrin

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